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Ihnen entspricht aus der neueren amerikanischen Literatur das Werk von Kar!A. Menninger, The Human Mind, 1930, mit reicher Bibliographie, in dem inbreiter Ausführlichkeit, dem heutigen „Stande der Forschung“ gemäß, der natu-ralistische Biologismus gelehrt wird.
Begreiflicherweise zollten auch die einzelnen Geistwissenschaften ihren Tributan die Zeitströmung. Von der Linguistik und Völkerpsychologie werde ich nochGenaueres mitteilen. Hier möchte ich nur darauf hinweisen, daß auch dieGeschichtswissenschaft in einer Reihe ihrer bedeutenden Vertretereine naturalistische Richtung einschlug.
Zwar mit Unrecht nennt man immer Buckle in erster Reihe als Vertretereiner naturwissenschaftlichen Geschichtslehre, während er doch den Begriff desspontanen Geistes sehr wohl kannte, wie ich an anderer Stelle bereits nach-gewiesen habe. Auch H. T a i n e dürfen wir nicht unter die naturalistischenHistoriker rechnen, trotz der fürchterlichen Geschichtstheorie, die er in derEinleitung zu seiner Geschichte der englischen Literatur uns vorsetzte (T a i n ewar, wie so mancher Forscher, besser als seine Theorie).
Wohl aber hat die deutsche Geschichtswissenschaft eine Reihe von Männernaufzuweisen, die mit vollem Bewußtsein den Weg der naturalistischen Betrach-tungsweise gegangen sind. Hierher gehört aus der früheren Zeit KarlMarx5i), aus der neueren Zeit neben K. Lamprecht vor allem KurtB r e y s i g, der in großen Werken^) den Nachweis zu führen versucht hat,daß die „Gesetze“, die im Weltall herrschen, dieselben seien, die wir in derMenschen-Geschichte walten sehen, das heißt doch aber, daß die Geschichte einenTeil des allgemeinen Naturgeschehens bildet, in der der Geist keinen Platz hat.B r e y s i g nennt seine Art der Geschichtsschreibung die „entwickelnde“. DieBegriffe der Entwicklung und der Gesetze, mit denen dieser Forscher mit Vorliebearbeitet, setzen die animalistische Natur des Menschen denknotwendig voraus.
Neuntes Kapitel: Der Strom des Hominismus
Es wäre ganz verkehrt, zu glauben, der Hominismus sei unter dem An-sturm des Animalismus allmählich verdrängt worden und schließlich ganzverschwunden. Davon kann keine Rede sein. Vielmehr liegt die Sache so,daß der Animalismus im Laufe des letzten halben Jahrhunderts zwar anAusdehnung gewinnt, sofern er die breiten Schichten der Halbgebildetenmehr und mehr in seinen Bann zwingt, daß er eine zeitlang sogar die Fach-„Psychologen“ an den Universitäten (namentlich in Deutschland ) erobert,daß er aber zu einer Alleinherrschaft in den geistig höher stehenden Schichten:zu keiner Zeit und in keinem Lande zu gelangen vermag. Viele in diesenhaben, selbst das dunkle 19. Jahrhundert hindurch, an der lichten Lehre vonder menschlichen Spezifizität festgehalten und haben all die Zeit gewußt,was „Geist“ ist, und daß man Geist von Seele unterscheiden und damit demMenschen, als dem einzigen uns bekannten Träger des Geistes im Kosmoseine Sonderstellung anweisen muß.