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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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pologie einen Teil der Zoologie bildet. Sein Gesamturteil über das Wesen desMenschen faßte er in einem Vortrage auf dem Internationalen Zoologen-Kongreßin Cambridge (1898)Über den Ursprung des Menschen zusammen, in dem diedenkwürdigen Sätze Vorkommen;Das alte Dogma, daß nur der Mensch mitSprache und Vernunft begabt sei, wird auch heute noch bisweilen (!) von an-gesehenen Sprachforschern verteidigt, so von Max Müller in Oxford. Es wärehohe Zeit, daß diese irrtümliche, auf Mangel an zoologischen (!) Kenntnissenberuhende Behauptung endlich aufgegeben würde. Im Jahre 1899 erschienendann die berüchtigtenWelträtsel, in denen der Naturalismus als alleingültigeWeltanschauung der breiten Masse angepriesen wurde.

In denselben Jahren setzte Krupp einen hohen Preis aus, um die Fragebeantwortet zu hören:Was lernen wir aus den Prinzipien der Dezendenz-Theorie in Beziehung auf die innerpolitische Entwicklung und Gesetzgebung derStaaten? An der Spitze des Preiskomitees, dessen Seele er war, stand wiederumH a e c k e 1, unterstützt von Professor H. E. Ziegler, der auch die Einleitungzu dem SammelwerkeNatur und Staat schrieb, in dem zehn ausgewähltePreisschriften veröffentlicht wurden. In dieser Einleitung hieß es:WelcheFolgen ergeben sich, wenn man den Menschen wie einNaturobjektbetrachtet? Diese Frage ist gewiß zeitgemäß. Während der Mensch b i s h e r(!)sich als das Ziel der Schöpfung ansah und seine Stellung in der Welt auf meta-physische Vorstellungen begründete, erscheint er bei der natürlichen Betrach-tungsweise als ein Glied in der Reihe der Organismen, welches... biologischenGesetzen unterworfen ist... Die Seele des Menschen ... beruht nach natur-wissenschaftlicher Auffassung auf der Tätigkeit des Gehirns... usw.

Eine Zeitlang war dann in Deutschland der Wortführer des biologischen Natu-ralismus Ludwig Woltmann, der in seiner ZeitschriftPolitische Anthro-pologie sich alle Mühe gab, die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise in dieKulturwissenschaften und die Psychologie einzuführen.

In demselben Geiste wirken heute noch namhafte Biologen und Anthropo-logen. So schreibt Fritz Lenz in dem Standard-Werke Baur-Fischer-Lenz, Menschliche Erblehre 1* (1936) 706 f.:Die Psychologie kann, wenn sieüberhaupt Wissenschaft sein will, nur gesetzeswissenschaftlich, das heißt natur-wissenschaftlich Vorgehen. Andernfalls könnte sie niemals hoffen, Gesetze desseelischen Seins und Geschehens zu erforschen. Und an einer anderen Stelledesselben Werkes (S. 714) erklärt erden ganzen angeblichen Gegensatz von,Geist' und ,Natur' für ,völlig abwegig'.

Aber die animalistische oder naturalistische Auffassung des Menschen be-schränkte sich nicht auf die Naturforscher. Auch die Geistwissenschaften wurdenvon ihr ergriffen. Allen voran die Philosophie und was man so nannte,etwa in der Prägung, die ihr der jüngere W u n d t und seine Schule gaben.

Wir besitzen eine große Spezialliteratur, in der der Geist seiner Eigenart ent-kleidet und der Mensch als natürliches Wesen gelehrt wurde. Sie reicht bis indas 20. Jahrhundert hinein und ist in allen Ländern zu Hause. Aus dem deut-schen Schrifttum nenne ich ein paar Erscheinungen der letzten Zeit vor demKriege: Georg Herrn. Franke, Eine Untersuchung des menschlichenGeistes, 1908; Bernh. Rawitz, Der Mensch. Eine fundamentalphilosophischeUntersuchung, 1912; Max Verworn , Die Entwicklung des menschlichenGeistes, 1910; 3. Aufl. 1915; I. I. Hoppe, Was ist der menschliche Geist, 1912.

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