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esses gerückt wurden. Damit beginnt die Tendenz zur Animalisierung desMenschen von einer anderen Seite her verstärkt zu werden.
Die Übergriffe des zoologischen Denkens auf das Menschenreich hattensich schon in dem System L i n n 6 s geäußert, der als erster den Menschenan die Spitze des Tierreichs gestellt hatte; sie wurden aber erst kühn undallgemein, seitdem „endgültig feststand 1- , daß der Mensch „vom Affen ab-stammte“, „also“ dem allgemeinen Naturreich angehörte. Von da an konnteseine Animalität nicht mehr in Zweifel gezogen werden. Kurz gesagt:„Die Anthropologie bildet einen Teil der Zoologie“, wie Ernst Häckel als erster erklärte.
Hatte der Animalismus bis dahin von Isaac Newton und den exaktenNaturwissenschaften seine Argumente bezogen, so nahm er sie jetzt vonDarwin und den biologischen Wissenschaften: an die Stelle des mecha-nistischen Materialismus tritt der organistische Biologismus. Im Endergeb-nis, das uns hier angeht, stimmen die beiden Richtungen durchaus überein:es gibt im Menschen nichts, was nicht auch im Tier wäre: sicher keinen Geist,am liebsten auch keine „Seele“.
In Frankreich hatte schon A. Comte die Psychologie in die Biologieauflösen wollen; ihm folgte eine breite Strömung in der französischen Soziologie.
In England war einer der ersten, der den Animalismus mit zoologischenArgumenten unterbaute T h. H u x 1 e y. Er „bewies“ in seiner aus 1860 gehal-tenen Vorträgen hervorgegangenen Schrift „Evidence as to Man’s Place in nature“(1863), daß der Mensch viel mehr mit den höheren Affen (high apes) verwandtsei, als diese mit den niederen Affen (mor.keys). Er setzte damit in der Dar-winschen Lehre (1859) das Tipfelchen auf das I; denn Darwin hatte nur diegelegentliche Bemerkung gemacht: „light will be thrown on the origin of manand its history“.
In die Bahnen des Biologismus lenkte dann in England vor allem die sozialenWissenschaften der erfolgreiche „Philosoph“ und Soziologe Herbert Spen-cer (1820—1903). Seine Psychologie, auf der nach seinem eigenen Zugeständ-nis seine Philosophie ruht, ist ein unausgesetztes Bemühen, unsere höherenGeistesgaben in unsere niederen aufzulösen — ohne Anerkennung eines spezi-fisch menschlichen Prinzips.
Die breiteste theoretische Begründung hat der Animalismus in England er-fahren durch G. J o h n R o m a n e s , “a devout and faithful disciple ofMrSpen-cer“, in seinen umfangreichen Schriften: Animal Intelligence; Mental evolutionin animals. Deutsch u. d. T.: Die geistige Entwicklung im Tierreich 1887; MentalEvolution in Man. Origin of Human Faculty. 1888. Deutsch u. d. T.: die geistigeEntwicklung beim Menschen. Ursprung der menschlichen Befähigung. 1893.
Auch und gerade in Deutschland hat das biologisch strukturierte Menschen-bild weite Verbreitung gefunden. Hier knüpft die animalistische Tendenz in derneueren Zeit vor allem an den Namen Ernst Haeckels , des PopularisatorsDarwins, an, von dem wir schon den Ausspruch kennen, daß die Anthro-