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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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menschliche Seele dagegen ist immeranxia, semper remotis luturisque pro-spiciens. (Ihn treibt die Gärung in die Ferne.) Alle diese Eigenschaften lassensich aus demspiritus e semine eductus nicht erklären, sie setzen eineformasuperaddita, die nur der Mensch besitzt, voraus. Siehe De rerum natura(1586) V. 2.

Man kann sagen, daß der Spiritualismus der neueren Zeit aus zwei Strömenzusammengeflossen ist, von denen der eine seine Quelle in der Stoa hat (dazugehören die beiden genannten Männer), der andere in dem See des aristotelisch-thomistischen Denkens entspringt. Dieser speist die ersten Jahrhunderte derNeuzeit hindurch nicht nur das katholische, sondern auch das protestantischeEuropa. Dieses wird würdig vertreten durch Ph. Melanchthon, dessen1540 erschienene Schrift De anima für den Schulbetrieb der Psychologie in dernächsten Zeit maßgebend wird und, wie D e s s o i r wohl mit Recht meint, einigedeutsche Universitäten bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts beherrscht. Wersich die Mühe nimmt, etwa den Realkatalog der Bibliotheca berolinensisNn. 1272 fl. durchzusehen, wird erstaunen über die Fülle von Schriften, die mittel-bar oder unmittelbar an den Traktat Melanchthons anknüpfen. Dieserträgt ausgesprochen aristotelisches Gepräge: es gibt drei Seelengrade: diePflanzen haben nur die vegetative, die Tiere die vegetative und sensitive Seele,der Mensch hat diese beiden und die vernünftige dazu:anima rationalis estspiritus intelligens ed. 1545 p. 9. Was dem Geiste eigentümlich ist, weißMelanchthon sehr genau: der Mensch zählt, er kennt nicht nur das Einzelne,sondern auch das Allgemeine, er vermag verwickelte logische Untersuchungenzu bewältigen, er übt Künste aus, er hat Selbstbewußtsein ebenso wie ein sitt-liches Bewußtsein und das Vermögen vernunftgemäßen Nachdenkens und Über-legens. Vgl. auch J o h. Rump, Melanchthons Psychologie (1896), 121. In dieserSchrift ist die von mir benutzte Auflage des Melanchthonschen Traktates von1545 unter den aufgezählten 12 Auflagen merkwürdigerweise nicht erwähnt.

Übrigens stehen auch diejenigen Schriften, die gegen Melanchthon pole-misieren, größtenteils auf dem Boden des Aristotelismus. Siehe z. B. die viel-beachtete Abhandlung von Veit Auerbach: Quatuor libri de anima 1542.

Auch für dieNaturwissenschaftler jener Zeit ist die anima rationalis eineSelbstverständlichkeit. So etwa bei Paracelsus (14931541): der Menschlebt in drei Zusammenhängen: mit den Elementen durch den Leib, mit denGestirnen durch das Lebensprinzip, mit Gott durch den Geist. Vgl. Dessoir,Grundriß, Seite 81 f.

Erinnern wir uns der orthodoxen Aristoteliker, die es in jener Zeit auchaußerhalb der katholischen Geistlichkeit noch zahlreich gab (ihr Führer warPietro Pomponazzi [1516]), so werden wir zu dem Urteil gedrängt, daß im16. Jahrhundert die Geist-Psychologie sich noch einer sehr weitgehenden An-erkennung erfreute.

Aber auch das 17. Jahrhundert ist noch nicht so Gottverlassen, wie man esvielfach darzustellen beliebt. Zwar beginnt in ihm, wie wir sahen, das natur-wissenschaftliche Denken seine Herrschaft über die Menschen. Aber dieses hatnoch nicht die alten Anschauungen von der Geisthaftigkeit des Menschen zuverdrängen vermocht. Wenn wir die vier großen Denker des 17. Jahrhunderts:Descartes, Leibniz, Hobbes und Spinoza auf ihre Grundauf-fassung vom Menschen prüfen, so ist der einzige, der in den Animalismus ab-