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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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werden wir uns in dreifacher Hinsicht zu verdeutlichen versuchen,Indem wir 1. die Fragestellung, 2. das Ermittelungsverfahren, 3. die Ord-uungsprinzipien kennen zu lernen trachten, die bei der wissenschaftlichenMenschenkunde beliebt sind.

1. Die Fragestellung wird durch die Anwendung bestimmterDenkkategorien gegeben, mittels denen wir die menschliche Seele erfassensollen. Es sind nach dem von R. Müller-Freienfels aufgestelltemSchema folgende: 57 )

1. Material des Charakters: die allgemeine menschliche psycho-physische Organisation;

2. Spezifische Struktur: die emotionalen und geistigen Anlagen inden individuellen Prävalenzverhältnissen;

3. Außenweltbezüge des Charakters: Art und Grad, wie das Subjektzur Objektwelt in Beziehung steht;

4. Kulturinteressen des Charakters: Art und Grad, wie das Subjektzu den kulturellen Wertgebieten steht;

5. Formale Qualitäten des Charakters: Dynamik, Tempo etc.

6. Integrationsgrad des Charakters: Grad und Art der Vereinheitlich-keit der Einzelfunktionen.

2. Das Ermittlungsverfahren.

Während die vorwissenschaftliche Menschenkunde, wie wir sahen, in-tuitiv (ganzheitlich-schauend) verfuhr, verfährt die wissenschaftlicheMenschenkunde diskursiv, indem sie den Charakter aus einzelnen-Charakterzügen aufbaut: dort das Gemälde oder die Statue, hier dasMosaik. Ihr Bestreben muß daher sein, in den Besitz der Kenntnis solcherCharakterziige (der Mosaiksteinchen) zu gelangen. Sie tut es auf zweierleiWeise: durch unmittelbare und durch mittelbare Feststellung. Jene er-mittelt Charakterzüge selbst durch Eigen- oder Fremdbeobachtung; diese'Tatsachen, aus denen sich auf bestimmte Charakterzüge schließen läßt.Es bleibt sich gleich, ob die Beobachtung eine natürliche, gelegentlicheoder eine künstliche, durch Experiment veranstaltet ist. Doch gilt dieexperimentelle Beobachtung als die den Anforderungen der strengenWissenschaft mehr entsprechende, da sie allein wirklichexakte Ergeb-nisse zu Tage zu fördern in der Lage ist.

Zu großer Beliebtheit im letzten Menschenalter ist das sogen. Test-Ver-fahren gelangt, das im engeren Sinne die auf experimentellem Wege ge-machte Feststellung bestimmter einzelner Eigenschaften am Individuumbedeutet. Man spricht in diesem Falle auch von Eignungsprüfungen.

Dieses Verfahren der Eignungsprüfungen ist merkwürdig jungenDatums. Es geht im wesentlichen auf die Errichtung des Büros für wissen-