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In all dieser vorwissenschaftlichen Zeit hat es an Charakterschilderungenund Menschendarstellungen, zum Teil allergrößten Stils, nicht gefehlt.Aber wenn man menschliche Persönlichkeiten zu beschreiben versuchte, sogeschah es immer in einer ganzheitlichen Schau: man erfaßte sie als„geprägte Form, die lebend sich entwickelt“, als echte Typen, die einePersönlichkeit symbolisch verkörpern; denn das ist das Kennzeichen einesechten Typus, daß in ihm immer ein lebensfähiger anschaubarer Menschdargestellt ist, was durch Häufung einer entsprechend großen Anzahl vonMerkmalen erzielt wird. Ein Typus ist, wie ich es genannt habe, ein kon-kreter Allgemeinbegriff, der zwischen dem abstrakten Allgemeinbegriff unddem Individualbegriff mitten inne steht. Echte Typen sind die Gestaltengroßer Dichter, etwa Shakespeares oder — in besonders ausgepräg-tem Maße — M o 1 i e r e s. Wir sagen von solchen Gestalten wie Lear oderdem Avare, daß sie „leben“. Und sind doch keine Individuen.
Am liebsten holte man sich die Bilder und Vergleiche von den Dichternund den großen Historikern, die selbst B a c o n als seine besten Helfer beimAufbau seiner Charakterologie zu rühmen wußte.
Solche Charakterschilderungen besitzen wir seit dem Altertum, woTheophrast, ein Schüler des Aristoteles, hervorragt, in reicherFülle. Auch im Mittelalter fehlen sie nicht. Ich erinnere an die Lebens-bilder, die der H. Bernhard in meisterhafter Weise zu entwerfenwußte 55 ).
In der neueren Zeit werden sie zahlreicher und entfalten sich währenddes 17. und 18. Jahrhunderts, namentlich in Frankreich , zu hoher Blüte.Vgl. auch die Ausführungen auf Seite 32 ff. über die Geschichte der Physio-gnomik und das auf Seite 122 f. noch weiter über Typenbildung Bemerkte.
Aber die unaufhaltsam vordringende Wissenschaft erreichteschließlich auch das geheiligte Gebiet der menschlichen Seele und schrittes rücksichtslos und erbarmungslos ab, um ihre Vermessungsstangen undWegezeichen darauf anzubringen.
Wir haben es hier, wo uns die Verschiedenheiten der einzelnen Menschenbeschäftigen, mit einem erst später zur Entfaltung gelangten Zweige derwissenschaftlichen Psychologie, dieser dismal Science, zu tun, demjenigen,den man differentielle Psychologie, neuerdings mit Vorliebe Charakterolo-gie nennt. Was es mit diesen Wissensbereichen für eine Bewandtnis hat,wollen wir uns im Folgenden zum Bewußtsein bringen 56 ).
III
Das Verfahren der wissenschaftlichen, und zwar imwesentlichen naturwissenschaftlichen Menschenkunde