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3. Sind die menschlichen Eigenarten nur Abbilder vonUrbildern nach Art der platonischen Ideen? Daß sie esseien, war in aller früheren Zeit die allgemeine Meinung und ist es beivielen noch heute.
Eine der frühesten Darstellungen neuzeitlicher Physiognomik, die vorbildlichfür viele spätere Werke geworden ist, das Hauptwerk des schon genanntenItalieners Deila Porta ist auf dem Abbild-Gedanken aufgebaut, wenn manes recht versteht.
Der Titel des Werkes lautet De humana physiognomia libri VIII. 1586. Ita-lienisch z. B. 1623 (in 6 Büchern). Der Grundgedanke des Buches ist dieser:dem Innenleben des Menschen entspricht seine Gestalt. Die verschiedenen Ge-stalten des Menschen haben in den Tieren ihresgleichen. Das gilt im Allgemei-nen und im Besonderen. Allgemein unterscheiden sich Mann und Weib wieLöwe und Leopard (was durch wunderbare Zeichnungen nach der Natur ver-sinnbildlicht wird): der Löwe also verkörpert das männliche, der Leopard dasweibliche „Prinzip“; ebenso stehen sich unter den Vögeln Adler und Rebhuhngegenüber. Im Besonderen werden die Einzelzüge der menschlichen Physio-gnomie mit Tieren verglichen. Alles in Holzschnitten verdeutlicht. Auch dieVerschiedenheiten der Nationen werden gewürdigt.
Eine sehr verständige Verwertung der Idee der Urbilder macht in einerspäteren Zeit z. B. H. Steffens, Anthropologie (1882) 2, 446 3. wo es heißt:„... auch das organische Bild des Temperaments erscheint nirgends; es istvielmehr in die mannigfaltig verwickelten Grade der Verhältnisse verschlungen:wie wir die reinsten Farben auch nur aus den unendlich vielfachen Mischungenals Annäherungen zu der vollkommensten Reinheit erkennen.
Wie nun ein ideelles Urbild der Gattung überhaupt, so gibt es auch ideelleUrbilder der Temperamente, die niemals hervortreten können, weil, wo siesind, und mit diesen die Erscheinung wie sie irdisch hervortritt, verschwin-den würde.“
Neuerdings hat den Gedanken der „Urbilder“ wieder zu Ehren gebrachtPaul Ernst in seinem Buche „Zusammenbruch und Glaube“ 1922. Band I.Jeder, meint er dort, ist König oder Priester, Adliger oder Bourgeois oderProlet, ohne daß er die Stellung, die gemeinhin diesen Charakteren gemäß ist,innehat: ein König kann in der Dachkammer leben und ein Kellner auf demThron sitzen. „Das Urbild, das einer darstellt, wird durch seinen ganzen Men-schen dargestellt“. Einer i s t etwas und keine Macht der Erde kann ihn zuetwas anderem machen als er ist. „Und wenn man den Kellner auf den Thronsetzt, so macht man ihn nicht zu einem König, sondern man setzt nur einenKellner auf den Thron.“ „Ein bestimmtes Urbild fordert ein bestimmtes anderesUrbild als Gegner.“ a. a. 0. Seite 2 3.
Das ist vortreSlich gedacht. Zu bedenken möchte ich nur geben, daß heutedie Urbilder so verzerrt sind, daß es schwer ist, reine und echte Urbilder fest-zustellen; ferner aber, daß wir uns die Urbilder niemals als menschliche Per-sönlichkeiten denken dürfen, die immer eine raum-zeitliche Existenzweisevoraussetzen würden, sondern immer nur als Eigenschaften. Das Ewige ist nicht„der König “, sondern „das Königliche“, das „Priesterliche“, nicht der Priester,„das Adlige“ nicht der Adlige usw.