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Wie weit die heutige Zeit von der Verwirklichung einer echten Typenlehre«entfernt ist, zeigt ein Vergleich der Literatur unserer Tage mit typologi-schen Werken der Vergangenheit, als man noch wußte, was einTypus war. Ich denke z. B. an des schon öfters genannten Pierre deCharron, De la Sagesse livres III, die 1601 erschienen.
Hier findet sich folgende Gliederung des Stoffes (Ch. XXXVIII ff.),
1. Allgemeine Beschaffenheit der Menschen in ihrer verschiedenen Gestal-tung: diese kommt vom Wohnplatz (I) (l’assiette du monde) wodurch dasKlima etc. bestimmt wird; es gibt Nord-, Süd-, Mittelvölker. Sie unterscheidensich nach der Körperbeschaffenheit, dem Naturell, der Religion, den Sitten usw.Der Grund ihrer Verschiedenheit ist: „l’inögalite et difierence de la chaleurnaturelle interne, qui est en ces pays et peuples“ (also Anklang an Hippo-krates!) (Vgl. das 26. Kapitel.)
2. feinere Unterscheidung der Menschen nach ihrem Geist: difierence plussubtile des esprits et suffisances des hommes“. Das interessante Ergebnis dieserUntersuchung teile ich an einer anderen Stelle mit (siehe Seite 151);
3. zufällige („accidentale“) Unterscheidung nach Rang, Stand, Amt: Stellungim Staat, in der Familie;
4. Verschiedenheit nach Beruf und Lebensbedingung: Inneres Leben, Fami-lienleben, öffentliches Leben, Stadt-, Landleben, Militärberuf usw.;
5. Verschiedenheit nach Gunst und Ungunst der Natur und des Schicksals:Gesundheit, Schönheit u. a. Naturgaben; Freiheit — Unfreiheit, Adel, Ehre,Wissenschaft, Reichtum und Armut.
Was wir heute an verwertbaren Klassifikationsschematas und -grund-sätzen besitzen, werden wir im zwölften Kapitel kennenlernen.
Elftes Kapitel: Ziele und Wege der Menschenkenntnis
I
Um beurteilen zu können, welche der verschiedenen Erkenntnisweisender menschlichen Persönlichkeit für unsere Bestrebungen uns von Nutzensein können, müssen wir zuvor die Frage zu beantworten versuchen: Waruminteressieren wir uns so sehr für die Mannigfaltigkeit der menschlichenCharaktere?
Da lautet die Antwort zumeist: um durch diese Kenntnis den Menschenund durch den Menschen die Welt „beherrschen und lenken“ oder den Mit-menschen helfen, sie heilen, kurz irgendwelche praktischen Zwecke verwirk-lichen zu können. „Alle Theorie erfüllt sich nur in der Praxis... im höherenGrade wird das Wissen um Charaktere erst interessant, wenn es gilt, ... dasWissen in den Dienst wertvoller Zwecke zu stellen“, schreibt selbst ein soweltzugewandter Mann wie Müller-Freienfels.
Ich kann mich dieser Ansicht nicht anschließen und erkenne im wertvollenWissen einen neben anderen Zwecken gleichen Wert. Warum soll das Blau-färben einer Bluse ein wertvollerer Zweck sein als die Einsicht in das