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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Kekulesche Atomschema? Warum ist es wertvoller, die Qualifikation einesSchreibfräuleins oder eines Straßenbahnführers festzustellen als Einsicht inden Charakter Napoleons zu gewinnen?

Nein ich beanspruche für die zwecklose Erkenntnis wertvoller Dingedasselbe Recht wie fürnützliche Tätigkeit. Wir wollen unsere Kulturnicht nur als Gemüsegarten anbauen, sondern auch ein paar Blumen umihrer zwecklosen Schönheit willen pflegen. Auch in diesem Punkte müssenwir uns aus dem Banne der heute herrschenden naturwissenschaftlichenDenkweise zu befreien trachten.

So werden wir also die Bedeutung des Wissens um die menschlichenVerschiedenheiten nicht einseitig in ihrem Nutzen für praktische Zwecke-erblicken wollen, sondern sie in ihrer Vielseitigkeit zu erfassen versuchen.Da ergeben sich, soviel ich sehe, drei Bereiche, in denen dieses Wissen,fruchtbar werden kann; das sind

1. die Menschenbehandlung;

2. die Erkenntnis;

3. die Ideenbildung.

Ihnen entspricht eine dreifache Bedeutung dieses Wissens:

1. die pragmatische;

2. die theoretische;

3. die ideologische.

In folgendem soll die Bedeutung unter diesem dreifachen Gesichtspunktegewürdigt werden.

n

1. Die pragmatische Bedeutung der Menschenkenntnis liegt also,wie wir sahen, in der Vervollkommnung der Menschenbehandlung.

Je nach den Menschen, die dabei in Frage kommen, ergeben sich sehr-verschiedene Zwecke der Menschenbehandlung.

Da kann der Mensch, den man behandeln will (oder soll), zunächst manselber sein und die Zwecke, die man verfolgt, können Selbst-Bildungs-zwecke sein, die in Forderungen ästhetischer, moralischer, sittlicherNatur bestehen. Daß diese Selbstbildung die Selbsterkenntnis zur Voraus-setzung hat, bekundeten die Alten mit ihrer Mahnung:puifii aao-rov-

(Gnothi sau ton) Erkenne dich selbst. Ein großer Teil der Sokra-tischen Morallehren beruht ja auf dieser Charakterbildung durch Charakter-kunde.

Als die Menschenkunde in der Renaissancezeit sich neu zu entwickelnbegann, waren es vornehmlich politische Zwecke, um derentwillen mansie pflegte. Auch die Literatur diente diesen Zwecken. Männer wie-De 1 a Chambre 61 ) oder Lorenzo Grazian 62 ) oder Chr. Tho-