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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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m a s i u s 63 ) erklärten zwischen den Zeilen oder ausdrücklich, daß ihreSchriften vor allem dem Staatsmann und Politiker dienen sollten.

Die Verwendung der Menschenkenntnis zu politischen Zwecken hatte zuallen Zeiten bestanden und besteht heute noch, wenn auch in veränderterForm, weiter: Staatsmänner, Diplomaten, Militärs benötigen sie, sei es zurBeurteilung einzelner, sei es der Massen.

Dazugekommen sind allerhand neue, soziale Zwecke, zu deren Erfüllunges der Menschenkenntnis bedarf. Ich denke an die Bedürfnisse der Ver-waltung (Polizei!), der Ärzte, namentlich der Psychiater, der Seelsorger,der Geschäftsleute und nicht am wenigsten der Erzieher.

Menschenkenntnis war diesen Berufen sicher zu allen Zeiten erwünscht,und ihre Träger besaßen sie auch: wenn man jetzt immerfort ihren Bedarfan Menschenkenntnis hervorhebt, so kommt es daher, daß einerseits dieVerhältnisse komplizierter, die Gesellschaft atomisiert worden sind und dieDinge nicht mehr traditionalistisch geregelt werden können, andererseitsdie Inhaber jener Posten weniger Menschenkenntnis besitzen als in altenZeiten. Ein alter Landpastor kannte jeden aus seiner Gemeinde, der alteDorfschullehrer jeden Buben und jedes Mädel in seiner Klasse: demmodernen Großstadtpfarrer und Großstadtlehrer stehen tausende und zehn-tausende fremder Gesichter gegenüber. In einer ähnlichen Lage sind dermoderne Verwaltungsbeamte oder der moderne Unternehmer und Direktorin ihren Riesenbetrieben, wenn man sie vergleicht mit dem Bürgermeistereiner kleinen Stadt oder einem Handwerksmeister alten Stils. Dazu kommt,daß die Menschenkunde die große Mode geworden ist und jetzt viele Leuteglauben, sie erwerben zu müssen, weil es zum guten Ton gehört, währendsie vielleicht schon längst ganz erfahrene Menschenkenner sind.

2. Theoretisches Interesse besitzt die Menschenkunde in vieler Hin-sicht.

Da ist der Ästhet, der gern in die Eigenarten der Menschen eindringenmöchte, um sich an dem Reichtum zu erfreuen, den der Tiergarten desHerrn aufweist. Spezialisten für historische Charaktere! Ein solcher Fein-schmecker war Wilhelm von Humboldt, als er schrieb:...vonmeiner frühesten Kindheit her erinnere ich mich, daß ich unaufhörlich aufdie Menschen um mich her acht gab, sie untereinander und mit denen, diemir für das Vorzüglichste galten, verglich; immer hielt ich es für die wün-schenswürdigste Kunst, den Menschen gleich als ein Instrument spielen zukönnen ..nicht zu äußeren Zwecken, was ich immer ver-achtete und wozu ich nicht immer großes Geschick habe, aber zu er-innern, daß sie sich selber lebendiger erkennen und bedeutender und freieraus sich hervortreten usw. Akademie-Ausgabe 15, 453.