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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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folgendem die Vorzüge und Erkenntnismöglichkeiten der verschiedenenErforschungsmethoden prüfen wollen, da das Sehertum eine seltene Gnadeist, die dem einzelnen verliehen wird ohne sein Zutun. Die beiden anderenMittel der Kenntnis kann er durch Fleiß und Ausdauer sich erwerben, undes fragt sich, mit welcher Art er am besten seine Zwecke verwirklicht.

Bei der Beantwortung dieser Frage werden wir zunächst nach den Er-folgen Ausschau halten, die die eine oder die andere Methode bisher auf-zuweisen hat. Und zwar interessiert uns vor allem zu erfahren, welcheFortschritte in der Menschenkenntnis gemacht sind, seitdemdie Menschenerforschung im letzten Menschenalter zum Gegenstände ver-schiedener Wissenschaften geworden ist 04 ). Da wird es nun freilich nieman-den geben, der das Ergebnis nicht als außerordentlich dürftig bezeichnenmöchte.

Es sei denn, daß man den Eignungsprüfungen im Bereiche technischerVerrichtungen eine größere Bedeutung zuzuerkennen geneigt wäre. Hierallerdings sind glänzende Erfolge erzielt worden, und dieser Zweig derwissenschaftlichen Psychologie hat sich zu einem stattlichen Baume derPsychotechnik ausgewachsen.

Wir wollen uns aber klarmachen, daß der Tätigkeitsbereich der Psycho-technik in ziemlich enge Grenzen eingeschlossen ist, sofern die Voraus-setzung jeder Eignungsprüfung die Herausschälbarkeit ganz bestimmterEinzelbegabungen ist, und daß zu diesem Behufe die Auflösung jeder kom-plexen Berufstätigkeit in Teilverrichtungen voraufgegangen sein muß. Fürdiese Teilverrichtungen darf nichts mehr in Betracht kommen als bestimmteformale Leistungen, die der Ausfluß bestimmter formaler und meßbarer Fähig-keiten sind. Die experimentelle (Maß-)Methode versagt, sobald es sich um dieEignung zu komplexer, das heißt eigentlicher Berufsarbeit oder gar um dieBeurteilung des Gesamtmenschen handelt. Weder kann ich auf Grund einesnoch so ausführlichen Tests feststellen, ob sich jemand zum Pferdeknechteignet, noch viel weniger aber, ob ich einen Chauffeur in meinen Dienstnehmen soll.

Dieses also wäre das einzige Gebiet, auf dem die Verwissenschaftlichungder Menschenkunde größere Erfolge aufzuweisen hat. Denn wo wäre sonstein Fortschritt in der Menschenkenntnis zu verzeichnen, seitdem sich dieWissenschaft ihrer angenommen hat? Er müßte doch in irgendwelchenErfolgen sichtbar geworden sein. Aber wo sind die Erfolge? Ist unsereDiplomatie besser als die zur Zeit Richelieus? Ist das Offizierkorpsbesser zusammengesetzt, seitdem über die Aufnahme nicht mehr der Oberstallein, sondern eine psychologisch geschulte Prüfungskommission ent-scheidet? Ist der Schulunterricht ergiebiger, seit die Begabungsprüfungen