eingeführt sind, das heißt lernen unsere Jungens und Mädel mehr als früher?Oder sind sie besser erzogen als früher? Sind unsere Salons geistreichergeworden, weil die Menschenkenntnis größer geworden wäre seit der wissen-schaftlichen Charakterologie? Lesen sich die wissenschaftlichen Trakteüber diesen Gegenstand kurzweiliger als die Schriften der H u a r t e ,Gracian , Charron, Vauvenargues, Larochefaucault,Goethe, Schopenhauer, Nietzsche e tutti quanti und lernenwir mehr aus ihnen vom Menschen? Sind die Ehen glücklicher geworden?Werden die Menschen besser regiert, die Minister besser ausgewäh'lt alsehedem? Werden die Geschäfte pünktlicher, gewissenhafter, ehrlichergeführt? Verstehen wir den Hamlet oder den Faust besser seit der wissen-schaftlichen Persönlichkeitsforschung? Diese und viele ähnliche Fragenstellen, heißt sie verneinen. Wo aber etwa Fortschritte zu verzeichnensind, wie in der Vertiefung mancher historischen Einsichten, von der dievielen vortrefflichen biographischen Werke der letzten Jahre beredtes Zeug-nis ablegen, da hat den Verfassern sicher nicht die wissenschaftliche Cha-rakterologie, sondern die ganz gewöhnliche volkstümliche und alltäglicheMenschenkunde zu ihren tieferen Einsichten verholfen. Und auch unsereÄrzte, die jetzt immer mehr sich dazu verstehen, Kranke und nicht Krank-heiten zu behandeln, wozu sie eines innigen Verständnisses der Individuali-tät bedürfen, haben von den Anweisungen der wissenschaftlichen Psycho-logie nur in sehr geringem Umfange Gebrauch gemacht und sind ihre eigenenWege gegangen, um des Menschen Natur zu erkunden. Dasselbe gilt vonden Kriminalpsychologen und anderen Spezialisten.
Man vertröstet uns, angesichts dieses völligen Fehlens eines Erfolges derwissenschaftlichen Psychologie, auf die Zukunft: es bedürfe „noch jahre-langer Forschungs- und Beobachtungsarbeit“, ehe sich greifbare und nutz-bare Ergebnisse einstellen würden. Ich glaube, man täuscht sich. DieseErgebnisse werden sich nie einstellen, weil der Verwissenschaftlichung derMenschenkunde enge Grenzen gesteckt sind.
Diese liegen in folgendem:
Zunächst ist die völlige Erschließung des Innern mit Hilfe äußerer Merk-male unmöglich, da, wie wir festgestellt haben, eine durchgehende Ent-sprechung der geistigen Vorgänge und der seelisch-leiblichen nicht nach-weisbar ist; auch wo aber innere Vorgänge sich in irgendeiner leiblichenGeste spiegeln, können diese, worauf schon Kant hingewiesen hat, „nichtdurch Beschreibung nach Begriffen, sondern durch Abbildung und Darstel-lung in der Anschauung (oder ihrer Nachahmung) verstanden werden“, wes-halb es zwar unbestreitbar eine physiognomische Charakteristik gebe, dieaber nie eine Wissenschaft werden könne (Anthropologie § 79III).