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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Ähnlich ist das Bedenken, das Bismarck einmal (in einem Briefe anvon Gerlach vom 30.5.1857) der Charakterisierungsmöglichkeit gegenübergeltend macht: .. es ist uns nicht gegeben, den ganzen Menschen zu Papier

oder über die Zunge zu bringen und die Bruchstücke, welche wir zutagefördern, können wir andere nicht gerade so wahrnehmen lassen, wie wir sieselbst empfunden haben, teils wegen der Inferiorität der Sprache gegen denGedanken, teils weil die äußeren Tatsachen, auf die wir Bezug nehmen, sichselten zwei Personen unter gleichem Lichte darstellen, sobald der eine nichtdie Anschauung des anderen auf Glauben und ohne eigenes Urteil annimmt.

Sodann aber ist angesichts der Buntheit und Mannigfaltigkeit dermenschlichen Seele jede Aufstellung einer Gesetzmäßigkeit von irgend-welcher praktischen Verwertbarkeit, sie sei korrelationsstatistischer oderstruktureller Natur, ausgeschlossen, sei es, daß sie nicht besteht, sei es, daßsie nicht zu ermitteln ist.

Also scheint sich die Leistung der wissenschaftlichen Psychologie in derTat darin zu erschöpfen, daß sie dazu verhilft, Farbenblinde vom Chauf-feurberuf fernzuhalten und festzustellen, ob Fräulein Müller besser tele-phoniert als Fräulein Schulze?! Denn daß sie uns tieferen Einblick in dasInnere des Menschen gewährt hätte, die als solche eine Bereicherung dar-stellen, wird niemand zu behaupten wagen.

Um diese Ergebnisse zu erzielen, ist der Personen- und Sachapparat,dessen sie benötigt, reichlich groß.

Dieses Mißverhältnis zwischen dem kreißenden Berg und dem geborenenMäuslein, zwischen Aufwand und Leistung, sollte zu denken geben. Ob esnicht die Folge einer, durch den zunehmenden Reichtum ermöglichten,völlig unbedachten Ausdehnung der Wissenschaft ist, auch auf Gebiete, dieihrem Wesen nach ihr verschlossen sein sollten. Die Psychologie, die natür-lich in den USA ihre höchste Blüte erlebt hat, wo am meisten Geld da war,um Institute und Versuchsapparate zu bauen und Professoren samt ihrenAssistenten zu besolden, die Psychologie scheint wirklich zu diesen sinnlosenWissenschaften zu gehören. Wir sind ihren Fehlleistungen schon an einerfrüheren Stelle begegnet und begegnen ihnen nun hier wieder. Man solltewirklich wieder etwas mehr Erkenntniskritik treiben, die leider Heute ausder Mode gekommen ist, eine Erkenntniskritik, die nicht unterläßt, auchnach dem Erkenntniswert der Forschung zu fragen, und sie beispielsmäßigauf die Psychologie anwenden.

Das Ergebnis, zu dem uns eine Prüfung der verschiedenen Weisen, diemenschliche Persönlichkeit zu erkennen geführt hat, ist dieses: daß eine

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