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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Verwissenschaftlichung der Seelenlehre vom Übel ist, und daß es bei deralten, empirischen Charakterkunde sein Bewenden haben sollte.

Diese Einsicht schließt nun aber nicht aus, daß die ganzheitlich-anschau-liche Charakterkunde unterstützt und gefördert werde durch eine diskrete,,wissenschaftliche Systematik, die keinen andern Zweck verfolgt, als dem,praktischen Menschenkenner bei seiner Erkundung der EinzelpersönlichkeitHilfsdienste zu leisten, damit er sich in der unendlichen Mannigfaltigkeit dermenschlichen Charaktere rascher zurechtfinde. Was solcherweise das wissen-schaftliche Denken der praktischen Menschenkunde an Unterstützung kann,zuteil werden lassen, soll das folgende Kapitel aufweisen.

Zwölftes Kapitel: Aufteilung und Einteilung der Menschen

I

Das erste, wodurch wir die Menschenkunde fördern können, ist die Auf-teilungdermenschlichenPersönlichkeitin ihre verscliiedenen.Kämmerchen und deren Numerierung oder Bezeichnung, damit man sich indem weitläufigen Gebäude besser zurechtfinde.

Da ein allgemein anerkannter Wortgebrauch nicht besteht, vielmehr jederjedes anders nennt, so hat auch jedermann das Recht, in seiner eigenenSprache zu reden. Meine Ausdrucksweise soll folgende sein:

Ich nenne die Gesamtheit der Eigenschaften des einzelnen Menschen seinePersönlichkeit oder Individualität.

(Von der Persönlichkeit in diesem Sinne ist der Begriff der Persön-lichkeit zu unterscheiden, die man auch als eine Persönlichkeit be-zeichnen kann. In diesem Begriff ist ein Werturteil oder wenigstens ein Maß-urteil enthalten:eine Persönlichkeit ist eine eigenartige Persönlichkeit imGegensatz zum Dutzendmenschen).

Die Persönlichkeit oder das Individuum besteht aus zwei Bestandteilen,wie wir wissen: einem geistigen und einem leib-seelischen. Jenen hatten wirdie Person, diesen den Organismus genannt. Wir wollen nun die Art-beschaffenheit der Person den Charakter, die Artbeschaffenheit des Orga-nismus das Naturell oder die Konstitution des Menschen nennen. StattNaturell können wir auch Veranlagung sagen. Ein Tier hat ein bestimmtes.Naturell, aber keinen Charakter.

Den Charakter können wir ebenso wie das Naturell nach den dreiVer-mögen des Menschen unterteilen. Es gibt dann einen intellektualen, einen,moralischen und einen sentimentalen Charakter.

Beim Naturell sprechen wir von Temperament, wenn wir die moralischeEigenart eines Individui, von Gemüt, wenn wir dessen Gefühlsbeschaffenheit