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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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jemand feste Grundsätze hat, gleich ob gute oder schlechte:Wir müssenuns, heißt es in der Elften Rede an die deutsche Nation, haltbare undunerschütterliche Grundsätze bilden, die allein unsern übrigen Denken undunserem Handeln zur festen Richtschnur dienen... wir müssen, um es miteinem Worte zu sagen, uns Charakter anschaffen; denn Charakter haben unddeutschsein, ist ohne Zweifel gleichbedeutend ..

Das zweite, was wir klarstellen müssen und können, ist der Doppel-sinn des Begriffes Verschiedenheit, der einmal die natürlich-ursprüngliche, das andere Mal die kultürlich-gewordene Verschiedenheitbezeichnet.

Die kultürlichen Verschiedenheiten sind diejenigen, die die Men-schen in ihren jeweiligen sozialen Zuständen, sozusagen in Amt und Würdenaufweisen, wie sie durch die Geschichte gestaltet sind: der Buddhapriester inChina und der Hoehkirchreverend in England , der römische Legionär undder preußische Leutnant, der gotische Mönch und der hochkapitalistischeUnternehmer, der Rotfärber und der Blaufärber im Mittelalter, das Schreib-fräulein und der Universitätsprofessor im Dritten Reich: sie alle weisenoffenbar wie unzählige andere Personen, wesentliche Verschiedenheiten auf,die uns aber sämtlich hier nichts angehen. Deshalb nichts angehen, weil siedas Ergebnis der geschichtlichen Verhältnisse, der eigentümlichen Kultur-gestaltung, weil sie Wirklichkeit sind, wir aber Ausschau halten nach Mög-lichkeiten, das heißt, denjenigen Verschiedenheiten, die die Menschen ohneRücksicht auf diese gestaltenden Mächte aufweisen, nach Verschiedenheiten,die jenseits der historischen Bestimmtheit liegen. Wir suchen also gleichsamnach den der Geschichte vorgegebenen menschlichen Eigenarten, die wirUr-Eigenschaften, Primär-Eigenschaften heißen wollen,während wir die ihnen entsprechenden Gestalten Ur-Formen nennenkönnen. Diese Urformen müssen also a priori sein: sei es dem Geist, sei esder Natur des Menschen wesenseigentümlich. Geistige Urformen sind alsoetwa der Held oder der Heilige; natürliche Urformen die aus der Menschen-natur unmittelbar und notwendig folgenden Eigenarten, wie gutmütig -boshaft, stark schwach, schön häßlich usw. Eigenarten, die auch dieTierwelt aufweist.

Daß es so etwas wie Urformen geben müsse, schließen wir auf Grund all-gemeiner Erwägungen, aber auch aus der Tatsache, daß wir gleiche oderähnliche Veranlagungen in verschiedenen, verschiedene in gleichen sozialenVerhältnissen antreffen.

Wir befinden uns also in der Lage des Theophrast, der seineCharak-tere mit den Worten einleitet:öfters bin ich erstaunt und niemals habeich es, ungeachtet aller darüber angestellten Betrachtungen, begreifen