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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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können, warum die Griechen sich einander in ihren Sitten und ihrem Seinso wenig gleichen, da sie doeh auf einerlei Art erzogen werden und einerleiLebensart führen, Griechenland auch unter demselben Himmels-striche liegt.

Wenn wir es nicht mit den historisch bedingten Verschiedenheiten derMenschen zu tun haben, so gehen uns auch die Allgemeinbegriffe eigen-artiger Menschen nichts an, die man durch Abstraktion der Durchschnitts-merkmale bestimmter Zeitabschnitte oder Örtlichkeiten gebildet hat. Alsodenprimitiven, dengotischen, dengriechischen Menschen lassen wireinstweilen ebenso auf sich beruhen, wie denorientalischen oder denwestlichen Menschen. Aber auch die Eigenarten der verschiedenen Ent-wicklungsstufen, etwa des Menschen überhaupt als Kind, Jüngling usw.oder des religiösen Menschen in der Auffassung etwa des Hl. Augustinusberühren uns nicht.

Wir haben es immer nur zu tun mit den Verschiedenheiten derallgemeinmenschlichen Eigenarten und diese Verschiedenheit ist eine im Prinzip derIndividuation vorgegebenen Tatsache. Freilich das müssen wir uns nunnoch zum Bewußtsein bringen tritt sie in verschiedenem Maße und in ver-schiedenen Formen auf.

Im allgemeinen kann man sagen, daß im Verlauf des Kulturprozesses dieVerschiedenheit der Menschen immer größer wird. Die Gesellschaftder Primitiven weist, wie wir jetzt wissen, einen verhältnismäßig geringenGrad individueller Verschiedenheiten auf: der einzelne ist ein fast aus-wechselbares Glied des Ganzen. Auch ist ihm das Bewußtsein des Indivi-duums noch kaum erwacht: er empfindet sich selber als bloßen Teil desGanzen. Fortschreitende Kultur bedeutet fortschreitende Differenzierung.Diese kann sich nun aber in zweifacher Weise auswirken: durch Ausbildungder individualen und der funktionalen Verschiedenheit. Die funktionale Ver-schiedenheit wird entwickelt durch die fortschreitende Gesellschaft oderArbeitsteilung, die jedem eine Sonderaufgabe in dem Ganzen der Gesellschaftzuweist: jeder tut etwas anderes: Spezialisation. Die individuale Verschie-denheit beruht auf der Ausbildung einzelner, eigenartiger Individualitäten:jeder ist etwas anderes: Individuation. Als Beispiele der einen und deranderen Entwicklung können etwa die griechische und die heutige, west-europäisch-amerikanische Kultur angesehen werden. (Mit dem Konfliktzwischen diesen beiden Formen der Differenzierung hat sich schonSchiller abgequält in seiner AbhandlungÜber die ästhetische Erziehungdes Menschen [1795]) 60 ). Während die funktionale Verschiedenheit im Ver-laufe der Geschichte immer größer geworden ist, weist die individuale Ver-schiedenheit im Prozeß der Völkerentwicklung einen Höhepunkt auf,, nach