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In unserer Zeit hat das Unterscheidungsprinzip C. G. Jung auf Grund vonpsychologisch eindringenden Studien vertieft und ihm den Namen des intro- undextra-vertierten Menschen gegeben. Siehe C. G. Jung, Psychologische Typen(3./4. Auflage 1925).
H. B e r g s o n hat dieselbe Unterscheidung in die Ausdrücke des homme closund homme ouvert gekleidet.
Ernst Kretschmer endlich hat das Gegensatzpaar mit den beiden vonKräpelin aufgestellten Typen von Geisteskrankheiten: der Schizzophrenieund dem manisch-depressiven Irresein in Zusammenhang gebracht und es mitHilfe medizinischer Gesichtspunkte auf eine somatische Grundlage gestellt. Erhat aber vor allem durch die Benennung der beiden Typen mit den Ausdrückender Schizzothymen und Zyklothemen dem Ordnungsprinzip zu seiner großenPopularität verholfen. Siehe Ernst Kretschmer , Körperbau und Cha-rakter. 1921. 9./10. Aufl. 1931; und vgl. K. Breysig, Seelenformen, Gesell-schafts- und Geschichtswissenschaft; in Schmollers Jahrbuch 1929.
Ein sehr kunstvolles System der Veranlagung mit vielen Abteilungen undUnterabteilungen unter besonderer Berücksichtigung des größeren oder ge-ringeren Integrationsgrades des Menschen hat aufgestellt E. R. Jaensch mitseiner Schule, das einstweilen praktische Verwendung gefunden hat behufs Ein-teilung der wissenschaftlichen Menschen in solche mit starkem Anschauungs-vermögen und solche mit starkem Abstraktionsvermögen. Siehe z. B. den Aufsatzdes Professors L. Bieberbach, Persönlichkeitsstruktur und mathematischesSchaffen in Forschungen und Fortschritte 20. VI. 1934, in dem die beiden Kate-gorien von Forschern für je besondere „Rassen“ in Anspruch genommen werden:der (abstrakte) S-Typus für lateinische Rasse und Juden; der (anschauliche)I-Typus für die nordische Rasse.
Von beachtlicher Bedeutung scheint mir ferner noch zu sein die Unterscheidungaktivistischer und kontemplativer (reflexiver) Menschen, wie siez. B. Fourneaux Jordan in seinem Buche Character as seen in Body andParentage. 3. ed. 1896 vornimmt. Hierher gehört auch die Schrift von JuliusSchultz, Die Philosophie am Scheidewege (1922), in der der Künstler demIngenieur gegenübergestellt wird.
In der Sechsgliederung, die L. F. C1 a u s s in seinem mehrfach erwähntenBuche vornimmt, scheint mir am meisten gelungen die Gegenüberstellung desLeistungsmenschen und des Darbietungsmenschen, d. h. eines Menschen, derunbeirrt um die Wirkung auf andere seine Wege geht und sein Werk verrichtetund eines Menschen, der bei jeder seiner Handlungen auf die Zuschauer Rück-sicht nimmt. Diesen wichtigen Gegensatz hatte, ohne Verwendung der Clauss-schen Ausdrücke, auch Georg Simmel in seinem Buche „Rembrandt “ (1916)schon meisterhaft herausgearbeitet. Eine wissenschaftliche Feststellung gewinntan Wert, wenn sie an verschiedenen Stellen unabhängig voneinander von bedeu-tenden Forschern gemacht wird.
3. Die Ordnung der menschlichen Veranlagung nach geistigen Merk-malen können wir kürzer erledigen. Hier können die Merkmale natürlichnicht in der leib-seelischen Konstitution des Menschen liegen, können nichtauf irgendwelcher Veranlagung beruhen, sondern können nur aus der Weltdes Geistes selbst genommen sein.