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Da hat man zunächst die philosophischen Systeme in verschiedene Gruppeneingeteilt, um die Menschen danach zu unterscheiden, zu welcher Philosophiesie sich bekennen. Eine solche Ordnung kommt aber doch nur für die Philo-sophieprofessoren und Philosophiestudenten in Betracht 68 ).
Sodann hat man die Menschen nach ihrer kulturellen Eignung unter-schieden: in der beliebtesten Einteilung in Menschen, die sich eignen zurWissenschaft — Wirtschaft — Kunst — Gesellschaft — Staat — Religion 69 ).
Endlich — und das scheint mir die wichtigste Einteilung zu sein — hatman die verschiedenen Menschenarten gegenübergestellt nach ihrer prakti-schen Weltanschauung, nach ihrer Wertewelt oder besser: nach dem Zentrumihrer Wertewelt. Hier ergeben sich die bedeutsamen Gegensätze des Dies-seitigkeits- und des Jenseitigkeitsmenschen; damit verwandt des Genuß- unddes Pflichtenmenschen: des Menschen, der f ü r die Welt und dessen, der vonder Welt lebt. Alles überragend aber steht die Dreifalt des Menschentums:Händler — Heiliger — Held.
Auf diese Dreiteilung lege ich besonderen Nachdruck, weshalb ich sie nochkurz erläutern will.
Ich verstehe unter Händlergeist diejenige Weltauffassung, die an dasLeben mit der Frage herantritt: was kannst du Leben mir geben; die alsodas ganze Dasein des einzelnen auf Erden als eine Summe von Handels-geschäften ansieht, die jeder möglichst vorteilhaft für sich mit Gott und derWelt abschließt. Das Glück ist oberstes Ziel des menschlichen Strebens. DieTugenden, die man pflegen muß, sind diejenigen, die ein friedliches Neben-einander von Händlern gewährleisten. Es sind alles negative Tugenden,weil sie alle darauf hinauslaufen: etwas nicht zu tun, was wir triebmäßigvielleicht gerne tun möchten: Mäßigkeit, Genügsamkeit, Fleiß, Aufrichtig-keit, Enthaltsamkeit, Geduld usw.
Für die heldische Auffassung dagegen erscheint das Leben als Aufgabe,deren Sinn dem einzelnen zum Bewußtsein kommt und hoch gewertet wird.Aufgabe ist das Leben, sofern es uns aufgegeben ist von einer höherenMacht. Die Tugenden aber des Helden sind alle positiv, Leben gebende und*Leben wirkende, es sind schenkende Tugenden: Opfermut, Treue, Arglosig-keit, Ehrfurcht, Tapferkeit, Frömmigkeit, Gehorsam, Güte 70 ).
Neben der polaren Einstellung des Händlers und Helden zur Welt weistdie Struktur unseres Geistes noch eine dritte auf: die des Heiligen. Es istdiejenige, die das Evangelium in der Bergpredigt verkündet, die den auf-richtigen Buddhisten wie den vollendeten Christen beseelt, dem wir im Ostenhäufiger begegnen als im Westen, die Aljoscha lehrte und die in dem Satzegipfelt: „Geh an der Welt vorüber, es ist nichts.“