Wir haben bisher die menschlichen Eigenarten in ihrer Mannigfaltigkeit undin ihrer Vereinzelung betrachtet, wie man den bunten Blumenflor auf einerAlpenwiese beschaut und haben daneben die Bemühungen der Seelen-botaniker verfolgt, diese Blumen und Blüten abzupflücken und in einen!Herbarium nach der Zahl der Staubfäden und anderen Merkmalen inFamilien, Klassen und Arten zu ordnen. Was wir dabei außer Betracht ge-lassen haben, ist die Frage: ob denn diese verschiedenen Eigenarten denverschiedenen Menschen in vollkommen oder annähernd gleichen Mengen-verhältnissen zukommen oder ob sie ungleich unter die Menschen ver-teilt sind. Diese Frage wollen wir jetzt aufwerfen und zu beantwortensuchen.
Da stoßen wir nun aber alsobald auf eine feststehende Antwort, die jedesBemühen in der angedeuteten Richtung überflüssig zu machen scheint: dasist diejenige, die dem Menschen als solchem, also der Menschheit in ihremWesen eine gleichförmige Beschaffenheit in bestimmten (namentlich morali-schen) Beziehungen zuschreibt, die Menschheit also als Ganzes in einer ganzbestimmten Weise qualifiziert.
Der gebildete Leser sieht, daß ich hinauswill auf den jahrtausendealtenStreit; ob der Mensch von Natur, d. h. seinem ursprünglichen Wesen nachgut oder böse, unbeschränkt perfektibel (vervollkommnungsfähig) oder nichtsei; den Streit, der seine größte Vertiefung in der Dogmatik der christlichenKirche gefunden hat und hier sich auf den Streit zwischen Augustinismusund Pelagianismus, dessen ich an anderer Stelle (Seite 13) schon Erwähnunggetan habe, zuspitzt.
In diesen Streit haben sich im Laufe der Zeit viele Unklarheiten ein-geschlichen vor allem dadurch, daß man häufig von der metaphysischen aufdie empirische Ebene und zurück wechselte und infolgedessen Zeitlichesund Zeitloses, Natürliches und Geistiges durcheinander mischte.
Daß der Mensch seit dem „Sündenfall“ — der zeitlos zu denken ist —,„sündig“ ist, sahen wir: sobald er vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte,mußte er es werden. Seine Sündhaftigkeit ist seine Gebrochenheit, auswelcher er nur durch Gnade erlöst werden kann.
Aber davon zu unterscheiden ist die empirische Beschaffenheit des einzel-nen Menschen und damit der Menschen als Masse einzelner Individuen, istseine Gesinnungsart, ist sein Charakter. Und deshalb ist es falsch, „Sünd-haftigkeit“ in jenem metaphysischen, zeitlosen Sinne mit Bosheit, Schlech-tigkeit, Verderbtheit, im empirischen Sinne gleichzusetzen.
Daß ein Mensch sündlos, also vollkommen, ausgeglichen, einig mit derWelt und sich ist, ist zwar nicht möglich, er bleibt dem Geschlechte Kains