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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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verhaftet, er ist verdammt; aber daß er ein gütiger, ein anständiger, einvornehmer, ein edler Mensch sei, ist freilich möglich. Sündhaft ist nichtböse, böse ist nicht boshaft. Wenn nun aber umgekehrt die Pelagianer dieseGutartigkeit, diese Perfektibilität zu dem Grundzuge des Menschen machten,so irrten sie ebenso und noch mehr (sofern sie darüber die metaphysischeSündhaftigkeit übersahen).

Ganz verschoben wurde dann das Problem, als man anfing, den Pela-gianismus ins Historisch-Empirische zu übertragen und Güte mit Unkultur,Bösartigkeit, Verderbtheit mit Kultur oder Zivilisation gleichzusetzen: dasheißt, dem Wahne zu huldigen, daß die Naturvölker gut, die Kulturvölkerböse seien; gemäß dem Rousseauschen Satze :

Tout est bien, sortant des mains de lAuteur des choses; tout dögönereentre les mains de lhomme.

Solchen natürlichen Zustand gibt es ja für den Menschen nicht, wiewir wissen.

Die Legend® vom Bon sauvage geht, soviel ich sehe, auf Monitaigne zurück, der im Ch. XXX des Livre I der Essais, der betitelt ist:DesCannibales wohl als erster die Auffassung vertreten hat, daß der natürlicheMensch der gute und vollkommene Mensch sei. Er schreibt unter anderem:jetreuve... quil ny a rien de barbare et de sauvage en cette nation... Partout sa purete reluict, eile faict une merveilleuse honte k nos vaines etfrivoles entreprinses ... Ces nations me semblent estre encore fort voisines de leurnaifetö originelle. Les loix naturelles leur commandent encore ... ce que nousvoyons par experience en ces nations surpasse ... toutes les peinctures de quoyla poesie a embelly laage dord ... es herrscht une naifvete ... pure et simple ...les paroles mesmes qui signifient la mensonge, la trahison, la dissimulation,lavarice, lenvie, la detraction, le pardon inouyes... Toute la journöe sepasse ä dancer... Sie sind encore en cet heureux poinct de ne desirer quautantque leurs necessitez naturelles leur ordonnent. Sie können heureusement iouyrde leur condition et sen contenter. Ihre Poesie est toute k faict anacreontique;leur langage, cest un langage doulx et qui a le son agreable. Sie wissen nichtsvon den Corruptions de de?a.

Woher wußte Montaigne das alles so genau?

Er gibt selbst als Quelle die Erzählungen seines Dieners an, eines jungenMannes, der 1012 Jahre in Brasilien gelebt hatte; er habe diesen Menschen undseine Berichte für besonders glaubwürdig gehalten, denn er warhomme simpleet grossier; qui est une condition propre a rendre veritable tesmoignage: car lesfines gens remerquent bien plus curieusement et plus de choses, mais il lesglosent.

Außer aus dieser Quelle hat Montaigne dann wohl aus den Reisebeschrei-bungen sein Wissen geschöpft, die damals in Umlauf kamen. Vor allem soll erbeeindruckt sein durch das Buch des JeandeLery, Histoire dun voyage fait enterre du Brösil, autrement dite Amerique, das erstmalig im Jahre 1578 erschien.Es hat 89 Auflagen erlebt und ist vom Verfasser selbst ins Lateinische über-setzt. (1586.)

Sombart : Vom Menschen

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