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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Die Bedeutung gerade dieser Reisebeschreibung für die Theorie vom BonSauvage behandelt urteilsvoll Charly Clerc in der Revue de lInstitutSolvay., 7e annee No. 2 u. d. T. Le voyage de Jean de Lery et la decouvertedu bon sauvage.

Es folgen dann Reisebeschreibungen auf Reisebeschreibungen, die dieselbeAuflassung vertreten. Unter ihnen ragen hervor das Werk des Barons d e 1 aH o n t a n , Nouveau voyage dans lAmenque septentrionale etc. 2 Vol. 1703; siehezum Beispiel p. 97 fl. im 2. Bande, und das auf dieses Werk sich beziehende Buchvon Gueudeville, Dialogues ou entretiens entre un sauvage et le baron dela Hontan, 1704, in denen für dieAufklärung Propaganda gemacht wird.

Die Theorie ist dann wesentlich verbreitet worden von den Jesuiten in ihrenLettres ddifiantes, weil sie eine brauchbare Stütze für den von diesem Ordenvertretenen Pelagianismus bot. Einen hervorragenden Platz in dieser Literaturnimmt ein das (selbständige) Werk von P. L a f i t a u, S. J., Moeurs des SauvagesAmeriquains comparees aux Moeurs des premiers temps. 2 Vol. 1724. Dortfindet sich folgende allgemeine Charakteristik derWilden:Ils ont lesprit bon,limagination vive, la conception aisee, la memoire admirable. Tous ont au moinsdes traces dune Religion ancienne et hdriditaire et une forme de gouvernement:ils pensent juste sur leurs affaires et mieux que le Peuple parmi nous... ils ontle coeur haut et fier... entre eux, ils ont une espece de civilitö ä leur mode, dontils gardent toutes les bienseances, un respect pour leurs anciens, une deferencepour leurs egaux... ils sont bons, afflables ... etc. (1,105).

Die reife Frucht war dann Rousseaus Discours sur lorigine et le fonde-ment de linegalite parmi les hommes, der 1755 erschien. Die Leidenschaftlich-keit, mit der die Lehre vom Bon Sauvage vertreten worden ist, erklärt sich leichtaus der Nutzbarmachung gleich für zwei entscheidend wichtige Sphären mensch-licher Werte und Handlungen: die religiöse und die politische. Die Jesuiten ver-wendeten die Theorie, um damit die ursprüngliche Güte des Menschen zu er-weisen, die Politiker, um eine Folie zu schaffen, auf der sich der korrupte Zu-stand der europäischen Gesellschaft besser abheben konnte. Rechnet man nochdazu, daß die Mär vom Idyll der Naturmenschen dem beginnenden Bukolismusund der Naturschwärmerei eine wertvolle Unterstützung bereitete, so wird mandie Zähigkeit verstehen, mit der dieser Unsinn geglaubt wurde, selbst von einemgeborenen Skeptiker wie Montaigne . Vgl. zu diesem Problem RoulA 11 i e r, Le non-civilise et nous. 1927. Ch. I.

Kann man von unserm Standpunkt aus die Auffassung- nicht vertreten, daßdem Menschengeschlecht als Ganzem eine bestimmte Natur eingeprägt sei,so müssen wir zu der Überzeugung kommen, daß die vielen verschiedenenEigenarten, die wir kennen gelernt haben, über die Menschheit in ihrerGegensätzlichkeit verteilt sind. Aber und das ist die Feststellung, die wirnun machen wollen nicht in dem gleichen Mengenverhältnis, so daß esimmer dieselbe Anzahl großer und kleiner, schöner und häßlicher, dummerund gescheiter Menschen gäbe. Vielmehr sind die einzelnen Eigenarten ineiner sehr verschiedenen Menge über die Menschen zerstreut, so daß esEigenarten gibt, die nur wenige Menschen besitzen, andere, die an vielen