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Göttervorstellungen zusammengehangen haben. Wir wissen es nicht,,können es uns aber durchaus als möglich vorstellen: der Begriff des Volks-oder Kollektivbewußtseins in diesem Verstände bleibt immer dem Bathosder Erfahrung verhaftet.
Der empirischen Erfassung hingegen entzieht sich der Begriff dann, wennman eine Gemeinsamkeit der Einzelbewußtseine annimmt, die in einer über-irdischen Wesenheit ihren Ursprung oder ihren Sitz hat, wenn man — bei-spielsmäßig — dem Begriffe des Kollektivbewußtseins einen Sinn zuspricht„nur für den Glauben, der die Gemeinschaft von vornherein als Explikationdes göttlichen Wesens auffaßt“. 75 )
Hat das Volk als solches kein Bewußtsein, so natürlich noch viel wenigerein „Selbstbewußtsein“. Das sollte sich eigentlich von selbst verstehen.Auch das Bewußtsein — wenn man darunter nicht das „Bewußtsein über-haupt“ oder ein anderes erkenntnistheoretisches, „transzendentales“ Kunst-gebilde verstehen will — ist an die menschliche Einzelseele gebunden undseine Übertragung auf das Volk in toto ist nur mittels einer „metaphysi-schen“ Volte möglich.
Viel umstritten ist der Begriff des Volksgeistes, ohne daß bisherKlarheit über seinen Sinn erzielt wäre. Mir scheint, daß wir zu dieser nurdann gelangen, wenn wir uns zum Bewußtsein bringen, daß auch das WortVolksgeist zwei sehr verschiedenartige Begriffe deckt: einen romantisch-metaphysischen und einen klassisch-wissenschaftlichen. Jenen habe ichvorhin schon umschrieben: er gipfelt in der Annahme (Unterschiebung-Hypostasierung) einer selbständigen Entität oder Wesenheit außerhalbder empirisch feststellbaren Erscheinungen des Geistes als subjektiven undobjektiven Geist; also in der Annahme eines Subjekts, das den in Recht,Sitte, Sprache, Kunst usw. objektivierten Geist hervorbringt, und einesSubjektes (es bleibt zweifelhaft, ob dieses mit dem zuvor erwähnten Subjekt,übereinstimmt oder von ihm verschieden ist, in welchem Falle es zweiVolksgeister geben würde), das bestimmte Ideale, ein bestimmtes „Sende-bewußtsein“ hat, wiederum also dem objektiven Geiste, der sich in dengesteckten Zielen, den gesteckten Aufgaben, den verpflichtenden Normenverkörpert, selbständig gegenübersteht. Wie es bei Hegel gelehrtwird und wie es in der Gegenwart etwa H. F r e y e r ausdrückt, wenn erschreibt: 76 ) „Diese Volksgeister sind Individualitäten von metaphysischemRang, nicht herleitbar aus etwas anderem, nicht zurückführbar auf ein-ander, eigentümlich bis zum Grund... das Volkstum wird... zum zentralenBegriff sowohl der Ethik wie der Metaphysik... Das Volk ist ihnen (näm-lich den romantischen, deutschen Philosophen) zuerst und zutiefst nicht