eine soziale Ordnung, nicht ein Gefüge von Ständen, Klassen, gesellschaft-lichen Leistungen und politischen Rechten, sondern es ist ihnen... zuerstund zutiefst... eine seelisch-geistige Gestalt, es ist ihnen nicht Gesell-schaftsordnung oder Staat, sondern (!) Y o 1 k s g e i s t, Volkstum.“
Die klassisch-wissenschaftliche Auffassung leugnet nun nicht etwa vonvornherein die Existenz eines Volksgeistes, — sie hält das Problem, ob es-eine Erscheinungsform des (objektiven) Geistes gibt, die dem Volke zu-gerechnet werden kann (oder muß) mindestens für diskutabel. Sie hält nuran der Überzeugung fest, daß solcher objektiver Geist, wie er in Recht undSitte, Kunst und Religion, Staat und Wirtschaft, Sprache und Philosophieuns entgegentritt, sei es zu seiner Erzeugung, sei es zur Zielsetzung seinerselbst, nicht wiederum einer verselbständigten geistigen Potenz, wohlaber notwendig d £ r Mitwirkung des Lebens bedarf und daßdieses Leben ausschließlich in den Einzelpersonen west. Was im weiterenVerlauf der Darstellung, wo wir die verschiedenen Volksbegriffe und ihreWirkungsbereiche erst genauer kennen lernen werden, noch seine ausführ-liche Erklärung finden wird.
Soweit die metaphysisch begründeten Lehren vom Volk. Daß wir sie unsnicht zu eigen machen können, ergibt sich aus der Einstellung diesesBuches, das einen nüchtern-wissenschaftlichen Charakter trägt. Um Irr-tüiner im Keim zu ersticken, möchte ich an dieser exponierten Stelle nocheinmal ausdrücklich hervorheben, daß ich mit der Ablehnung der meta-physischen Betrachtungsweise ganz gewiß nicht deren Wert herabzusetzenbeabsichtige; vielmehr begrüße ich gute Metaphysik (die schlechte soll derTeufel holen) auch in ihrer Anwendung auf die Problematik des Volkesmit heller Freude. Wer liebte sie nicht und welcher geistige Mensch liebtenicht, mit ihr Umgang zu pflegen! Es ist wahrhaftig reizvoller, auf blumigenAuen bunte Kränze zu flechten oder gar mit den Elfen auf den Wiesen imMorgennebel Reigen zu tanzen, als in wissenschaftlicher Frohnarbeit ausden Schächten Kohlen und Erze heraufzuholen und sie in rußiger Schmiedezu eisernen Bolzen zu verarbeiten. Nur Eines — das muß ich immer wieder-holen und an dieser Stelle besonders laut — soll man beachten: daß mannicht planlos aus dem Bereiche der Metaphysik in den der Wissenschaft undzurück wechselt.
Man soll sich stets gegenwärtig halten, daß es zwei verschiedene Dingeauch — und gerade — in der Lehre vom Volke gibt: Vom Volke Märchenzu erzählen oder über das Volk Novellen zu schreiben und das Volk inein wissenschaftliches System zu bringen, Wer diesen Unterschied nichtbeachtet, macht sich einer „untreuen Vermischung“ schuldig.