164
II
Grundsätzlich anders als zu der metaphysischen Behandlung der Lehrevom Volk, ist unsere Einstellung zu dem Versuche, naturwissen-schaftliche Forschungsgrundsätze bei der Betrachtung des Volkes zurAnwendung zu bringen. Ist eine Volksmetaphysik an sich durchaus be-rechtigt und möglich, nur von uns an dieser Stelle nicht bezweckt, so isteine Naturlehre vom Volke, wie jede Hineintragung des naturwissenschaft-lichen Denkens in ein Problem der Kultur, durchaus abwegig und unterkeinen Umständen berechtigt. Wir nehmen von derartigen Versuchen hier nurKenntnis, um vor ihnen zu warnen.
Die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise hat in Gestalt zweier zuhohem Ansehen gelangter Disziplinen Eingang in die Lehre vom Volke zuerlangen versucht: als Sozialpsychologie und als Völkerpsychologie, zweierWissensgebiete, auf denen bedeutende Forscher sich betätigt haben, ohnedaß es ihnen gelungen wäre, etwas anderes als ihre naturwissenschaftlicheTendenz zum klaren Ausdruck zu bringen.
Die Sozialpsychologie hat nie recht gewußt, was sie eigentlichwollte. Sie hat zwischen einer Beziehungspsychologie, die die seelischeWechselwirkung zwischen den Einzelpersonen eines Kollektivs und einerKollektivpsychologie, die die Lehre von der seelischen Eigenart der Einzel*personen eines Kollektivs zum Gegenstände hat, hin- und hergeschwankt.Es gibt in Wirklichkeit nur e i n sozialpsychologisches Problem, das lautet:„welche Modifikationen erfährt der seelische Prozeß eines Individuums,wenn er unter bestimmten Beeinflussungen durch die gesellschaftliche Um-gebung verläuft.“ Die Sozialpsychologie enthüllt sich durch diese Frage-stellung als eine Unterabteilung der Psychologie und erscheint als eine ganzharmlose Disziplin. 77 ) In Wirklichkeit war sie aber nicht so harmlos wiesie schien. Sie wollte höher hinaus. Nach H e r b a r t war die Grundlageder Sozialpsychologie die Voraussetzung: daß sich die vielen einzelneninnerhalb der Gesellschaft zueinander so verhalten wie die Vorstellungeneines und desselben vorstellenden Wesens zu einander stehen. Also auf dieAuffindung von sozialen Gesetzen elementarer Natur zielte man ab.
Ganz ähnliche Ziele wie die wissenschaftliche Sozialpsychologie stecktesich die durch Lazarus und S t e i n t h a 1 begründete, mit einer Zeit-schrift 1860 ins Leben tretende Völkerpsychologie. Sie hatte auchdie Unklarheit und Unbestimmtheit der Zielsetzung mit der Sozialpsycho-logie gemeinsam. Schon daß ihre Begründer ihr als Gegenstand den nebu-lösen Volksgeist zuwiesen, mußte sie zur Konfusion verdammen. AuchW. Wu n d t hat in seinem zehnbändigen Werke, das er dieser Wissenschaftgewidmet hat, keine Klarheit der Fragestellung zu schaffen gewußt. Was