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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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er in diesem Werke hauptsächlich behandelt, ist dieEntstehung derKulturbereiche: Sprache, Sitte, Religion usw., an sich schon ein falsch ge-stelltes Problem. Daneben finden sich aber zahlreiche Exkurse über dasSeelenleben der Primitiven, also kollektivpsychologische Darlegungen.

Daß die Völkerpsychologie dieselbe naturwissenschaftliche Note trug,wie die Sozialpsychologie geht aus dem Programm deutlich hervor, das ihreBegründer für diese Disziplin entwarfen: Die Völkerpsychologie solleineLehre der Elemente und Gesetze des geistigen Völkerlebens sein, heißt esin den Einleitenden Gedanken des ersten Bandes oben erwähnter Zeitschriftund weiter daselbst:Aufgabe der Völkerpsychologie ist es, diejenigen Ge-setze zu entdecken, welche zur Anwendung kommen, wo immer viele alseine Einheit zusammen leben und wirken.

Ebenso stellt W u n d t der Völkerpsychologie die Aufgabe:

Dieallgemeingültigen Entwicklungsgesetze desVölkerlebens (derSprache, des Mythos und der Sitte) zu erforschen, das heißt aber: sie auf dieelementaren Vorgänge des Vorstellens, Fühlens und Wollens zurückzuführen,als welchen Sprache, Mythos und Sitteentsprechen sollen.

Über das Verhältnis der Völkerpsychologie zur Individualpsychologiedachte man so: Der Volksgeist lebt nur im Einzelnen. Er führt kein abgeson-dertes Dasein. Daher sind die Prozesse im Volksgeiste dieselben wie in derindividuellen Seele: Hemmungen, Verschmelzungen, Apperzeption, Verdich-tung usw.: zwischen den Volksgeistelementen (Kunst, Religion, Wissen-schaft) und zwischen den Individuen bestehen ähnliche Beziehungen wiezwischen den Vorstellungselementen im Einzelgeiste. So kann die Indivi-dualpsychologie als Grundlage der Völkerpsychologie angesehen werden.Das Verhältnis zwischen diesen beiden Gebieten ist das wie zwischen derPhysik einerseits, Kosmologie und Geologie andererseits; das Verhältnisder Völkerpsychologie zur Geschichte ist das der systematischen Diszi-plinen: Physik, Mathematik, Chemie, Physiologie zur beschreibendenNaturlehre: die Völkerpsychologie soll die bisher von der Geschichtsphilo-sophie erfüllte Aufgabe übernehmen: die Auffindung der gesetzmäßigen Zu-sammenhänge. 78 ) Auch hier wirkte Herbart scher Geist.

Ein besonders reiner Typus dieser naturwissenschaftlich eingestelltenVölkerpsychologie ist Adolf Bastian, der die Herbartsche Statikund Dynamik des Geistes bewußt auf das Kollektivdenken der Gruppe über-trug. Mit dieser Methode begründete er seinen Menschheitsgedanken odersein Elementardenken, demgemäß jede Kollektiveinheit unabhängig vonder anderen zu den gleichen in derselben Reihenfolge verlaufenden Kol-lektivgedanken gelangen mußte.