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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Wie diese Neigung, mit naturwissenschaftlichen Begriffen die Lehre vomVolke aufzubauen, in der Luft lag, zeigt uns ein Blick auf die Literatur deranderen Länder. In England hatte John Stuart Mill eben dieLehre verkündet, daß die Psychologie der Völker in weitem Umfange be-rufen sei, die Rolle der Astronomie in den sozialen Wissenschaften zuspielen, sofern man mit ihrer Hilfe den Eintritt zukünftiger Ereignisse vor*-auszusagen in die Lage versetzt werden würde: was der einzelne tue, könneman zwar nicht mit Sicherheit Voraussagen, wohl aber was ethnische undsoziale Gruppen tun werden: ein Gedanke, den Gumplowicz dannausspann.

In Frankreich steckte man die Ziele nicht so hoch, immerhin aberglaubte man doch, im Sinne C o m t e scher Denkweise, mit Hilfe der Völker-psychologie die Science sociale begründen zu können, von der die wahreRechtslehre, die wahre Politik und die wahre Wirtschaftswissenschaft nurAnwendungen seien. Dieser Auffassung huldigt noch ein so verständigerAutor wie Alfred Fouillee, der von der Geschichte schreibt 79 ):entendant ä devenir scientifique, lhistoire tend ä netre plus quune applicationde la Psychologie sociale et une partie de la Science sociale. Ebenso glaubtCh. Letourneau die Gesetzmäßigkeit der psychologischen Entwicklungbei den Völkern von den Primitiven bis hinauf zu den Kulturvölkern fest-gestellt zu haben:il nous a ete possible detablir cette seriation en suivantpas ä pas la hierarchie naturelle des races humaines 80 ).

Dieser ganze Spuk der sozialen Gesetzeswissenschaften ist wohl vorüber.Die Leidenschaft, die naturwissenschaftliche Methode auf die menschlichenKulturbelange zu übertragen, ist im Abebben begriffen. Auch das Volk istvon dieser Mißhandlung durch falsche wissenschaftliche Methoden befreit,und es beginnt, sich langsam eine geistwissenschaftliche Volkskunde aus-zubreiten, von der wir nunmehr Kenntnis nehmen müssen.

III

Die heutige Lehre vom Volk, zumal in Deutschland , befindetsich in einem chaotischen Zustande: das ist das fast übereinstimmende Urteilder führenden Männer auf diesem Wissensgebiete 81 ).

In der Tat bieten sich dem unverdrossenen Leser nicht gewöhnlicheSchwierigkeiten bei dem Versuche, die einschlägige Literatur 82 ) zu bewäl-tigen und sich ein leidlich klares Urteil über Sinn und Ziel der verschiedenenBestrebungen zu bilden, die unter den Bezeichnungen Volkskunde, Volks-lehre, Volkstheorie, Volkstumkunde, Ethnologie, Völkerkunde usw. zutagetreten, zumal wenn wir auch noch die Bemühungen der Sprachforscher inRücksicht ziehen, die das Problem Volk und Sprache in neuerer Zeit einer