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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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erneuten Prüfung unterworfen haben. Was sich in dem Wirrwarr der An-sichten und Meinungen einigermaßen scharf unterscheiden läßt, ist etwafolgendes: Wenn wir von der alten Volkszählungswissenschaft, der Statistikoder Demographie, von der ich an anderer Stelle (siehe das 16. Kapitel)handele, absehen, so ergeben sich unter denjenigen Wissenszweigen, die sichausdrücklich als Lehre vom Volke selbst bezeichnen, zunächst zwei großeGruppen: eine empirisch-historische und eine theoretische.

Jene will im wesentlichen Tatsachen feststellen und sie durch Sammlungvon Zeugnissen den Lebenden und kommenden Geschlechtern übermitteln,mag es sich um Märchen oder Kleidertrachten handeln. Wir kennen dieseDisziplin unter den Bezeichnungen der Ethnographie, wo es sich um Natur-völker handelt, des Folklore oder der Volkskunde im echten und eigent-lichen Sinne, auch Volkstumkunde, wenn sich die Sammlung auf sogen.Kulturvölker bezieht.

Die zweite Gruppe, die theoretische Volkskunde, möchte das Material inirgendeiner Weise theoretisch verwerten oder auch ohne Material Theorienüber das Volk aufstellen. Sie tut dies auf verschiedene Weise, indem siesich meist unbewußt auf einen der drei Volksbegriffe einstellt.

Danach ergeben sich folgende Schattierungen der theoretisierenden Volks-lehre oder Volkskunde, die ich mit nicht üblichen Namen bezeichne,um sie besser voneinander abzuheben:

1. die Ethno-Soziologie ist im wesentlichen eine Lehre von denprimitiven Kulturen (die man denHochkulturen gegenüberstellt). Siefußt auf derZwei-Kulturen-Theorie, die namentlich Levy-Brühl be-gründet hat und will die unteren, volkstümlichen Schichten in ihrer Wesen-heit erforschen: ganz gleich, ob sie sich in Hinterpommern oder Hinterindienvorfinden.

Die allgemeine Volkskunde ... beschäftigt sich mit den Prinzipien und Grund-sätzen der volkstümlichen Anschauungen, mit den überall gültigen Entwicklungs-faktoren, kurz den allgemeinen Agentien, die die Volksseele bewegen, zeigen siesich nun bei den Bantu-Negern oder hinterpommerschen Bauern. EduardHoffmann-Krayer, Die Volkskunde als Wissenschaft (1902), 11. (DieserAuffassung haften offenbar noch die naturwissenschaftlichen Eierschalen an).Andere namhafte Vertreter dieser Volkskunde sind H. Naumann , PrimitiveGemeinschaftskultur 1921; Grundzüge der deutschen Volkskunde. 2. Aufl. 1929.Mit einigen Reserven auch der Vertreter der deutschen Volkskunde an der BerlinerUniversität, A d o 1 f S p a m e r , in seinen Schriften: Um die Prinzipien der DVK.in Hessische Blätter für VK. XXIII. 1924; D. Volkskunde als Wissenschaft, 1931;Die Volkskunde als Gegenwartswissenschaft. Ein Vortrag 1932; herausgegebenu. d. T. Die VK als Wissenschaft. 1935.

Spanier versteht unter Volkskunde ungefähr die Lehre vom kollektivenKulturschaffen, das er in sinnvoller Weise, ohne auf mystische Hypostasierungen