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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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eines durch die Gemeinsamkeit von Stamm, Sprache, Sitte und Siedelung ver-bundenen natürlichen Gliedes im großen Organismus (!) der Menschheit. DieVolkskunde als Wissenschaft (1858). Neue Ausgabe 1935. S. 37.

Vgl. auch den von Max H. Böhm zitierten Jakob Wagner (1775 bis1841), der schon in seinem im Jahre 1804 erschienenen System der Idealphilo-sophie S. 105 Abstammung, physikalisch-geographische Geschlossenheit undSprache als Merkmale des Volkes bezeichnet.

Da ich glaube, daß meine Übersicht die vollständigste ist, so werden wiruns an sie halten und also Volk II nach sechs Merkmalen bestimmen. Dochaber so, daß wir diese sechs Merkmale in ihrer Bedeutung abstufen mit demErgebnis, das Merkmal der Sprachzugehörigkeit als das wichtigste an dieSpitze zu stellen. Tun wir das, so bekommen wir auch das Recht, Volk IIa fortiori Sprachvolk zu nennen, wobei wir aber eingedenk bleiben wollen,daß wir das Merkmal der Sprachgemeinsamkeit nicht zuletzt aus äußeren,praktischen Gründen 85 ) vor allen anderen bevorzugen und daß neben ihmmindestens ein weiteres Merkmal vorhanden sein muß, um der Gruppe dieEigenschaft des Volkes zu verleihen: das Merkmal der Blutsgemeinschaftin seiner abgeschwächten Form als leise Verwandtschaft. Diese beidenMerkmale möchte ich primäre, die übrigen sekundäre nennen.

Ein höchst mageres Ergebnis, das unsere Merkmalanalyse uns gelieferthat! Wir sind davon durchdrungen, daß alles unsicher, alles unbestimmt ist,und daß es in zahlreichen vielleicht in den meisten Fällen unmöglichist, ein Sprachvolk oder wie man es auch nennt ein Volk im ethnischenSinne, eineigenständiges Volk abzugrenzen. Diese Einsicht legt das Be-dürfnis nahe, die Volkhaftigkeit einer Gruppe, die wir als Sprachvolk an-sehen wollen, nach ihrer inneren Stärke und Wirksamkeit (Intensität) ab-zustufen und festzustellen: es gibt Sprachvölker, die es mehr und solche,die es weniger sind: echte und unechte, starke und schwache, fester undlockerer gefügte, was äußerlich daran erkennbar ist, ob mehr oder wenigerMerkmale und das einzelne,Merkmal mehr oder weniger rein und ausgeprägtsich an der Gruppe beobachten lassen. Als äußerste Gegensätze bei einerderartigen Betrachtung der abgestuften Volkhaftigkeit erscheinen hier dasjüdische und das chinesische Volk: jenes, das fast keins der sechs Merkmalemehr oder doch nur sehr abgeschwächt aufweist, dieses, das alle Merkmalevereinigt und alle in höchster Reinheit durch die Jahrtausende erhalten hat.

Wenn wir unsere sechs Merkmale systematisch ordnen, so können wirMerkmale des Geistes, des Blutes und des Bodens unterscheiden. Alle dreiGruppen finden wir beim chinesischen Volke besonders stark aus-geprägt.

1. Merkmale des Geistes: sie beruhen auf der Tradition, die in Chinain der Familie gepflegt wird; durch sie werden Sitten und Ge-