240
licher Hinsicht auf einen landschaftlich oder beruflich besonderen Teil desVolkes beschränkt sind oder — ein noch häufigerer Fall — auch in anderenVölkern sich vorfinden, und weil sie in zeitlicher Hinsicht niemals alsDauerzüge nachweisbar sind.
Und doch wird man zu so etwas wie einer völkischen Eigenart gelangenwollen, dann aber auch — freilich auch nur dann — gelangen können,wenn man sich damit begnügt, als die besondere Eigenart eines Volkes dieSumme derjenigen Züge anzusehen, deren jeden einzelnen das Volk zwarmit anderen Völkern gemeinsam hat, die sich aber in dieser eigentümlichenZusammensetzung (Kombination) nur bei diesem Volke finden. Wir bildendann einen „Volkscharakter“ nach Analogie des Einzelcharakters, den wirja auch als die zufällige Stelle ansehen müssen, an der sich eine bestimmteAnzahl von Zügen und Merkmalen zu einem eigentümlichen Ganzen zusam-menfügen.
Ich verdeutliche, was ich meine, an einem Beispiel: der französischenEigenart. Sie wird von Martin Saint-Leon, Les soci6t6s de laNation(1930), 118 sehr treffend durch eine Reihe von Eigenschaften gekennzeich-net, die insgesamt wohl den französischen Volkscharakter ausmachen, ob-wohl keine einzige ausschließlich französisch ist. Ich zähle sie auf undfüge dasjenige Volk hinzu, das die Eigenschaft auch hat (sicher nochneben anderen):
la clarte — auch italienisch;
le sens pratique — auch englisch ;
l’amour de la systematisation — auch deutsch ;
la sociabilite — auch russisch;
le culte de la famille — auch chinesisch;
l’esprit d’ordre et d’öconomie — auch schottisch;
le sens critique — auch jüdisch; et pardessus tout
l’amour de la patrie — auch polnisch.
„II n’en a pas fallu davantage pour forger une grande nation“, schließtder Verfasser seine Ausführungen.
Träger dieser als spezifisch völkisch anerkannten Züge ist dann derDeutsche , der Franzose: eine fingierte Person, die nicht existiert, aber auchgar nicht existieren könnte. Deshalb ist sie auch keinTypus in dem vonmir dargelegten Sinne, sondern nur ein Schema.
Daneben kann man vielleicht für bestimmte beruflich oder stämmlichabgegrenzte Volksteile einen wirklichen Typus aufstellen, wie es für dieVolksstämme ihrer Länder die beiden öfters zitierten Werke von MartinSaint-L6on und Martin Wähler in glücklicher Weise versuchthaben. Auch hier werden wir die Einschränkung machen müssen, daß bei