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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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der Aufstellung eines solchen Stammestypus am liebsten nur das Grundvolk,kurz gesagt: die Bauern in Rücksicht gezogen werden sollten. Denn diegebildeten Schichten, die vielfach in der städtischen Bevölkerung aufge-gangen sind, weisen schon wieder zuviel Besonderheiten auf, um sich einemallgemeinen Typus einordnen zu lassen.

Offenbar: dieses Gesamtergebnis unserer methodologischen Betrachtungenist recht mager und drängt uns zu dem Urteile, daß kein Kollektiv unge-eigneter ist zurpsychologischen Untersuchung als gerade die Völker. EinUrteil, das in seiner Richtigkeit bestätigt wird, wenn wir bedenken, daß zuallen in der Natur der Sache gelegenen Schwierigkeiten noch eine Schwie-rigkeit hinzukommt, die in der Person des Untersuchenden begründet ist.Nirgendwo nämlich treten die Affekte so störend zwischen Beobachtungund Schluß wie bei der Charakterisierung gerade der Völker, bei der essich immer um (oft unbewußte) Parteinahme für oder gegen das Unter-suchungsobjekt handelt.

All das gilt für eine allgemeine Wissenschaft der Völkerpsy-chologie, von der es schließlich fragwürdig ist, ob sie überhaupt eine Da-seinsberechtigung hat. Ich bezweifle diese sehr stark und glaube vielmehr,daß wir hier wieder an einem Punkte angelangt sind, an dem wir die Wider-sinnigkeit oder Unnützlichkeit des wissenschaftlichen Verfahrens einsehensollten. Wozu in aller Welt müssen wir uns mit Hilfe mühseliger Unter-suchungen wissenschaftlich fundierte Kenntnisse von der seelisch-geistigenEigenart der Völker verschaffen? Würde es nicht sinnvoller sein, be-stimmte Fragen zu stellen? Fragen, die aus einem praktischen Bedürf-nis heraus entstanden sind?

Ein solches Bedürfnis ist das politische. Zweifellos ist es für denleitenden Staatsmann oder den Diplomaten nützlichmit der internationalenPsychologie hinreichend vertraut zu sein, um die Wirkungen des diesseitigenVerfahrens richtig zu berechnen (Bismarck). Aber um diese Hand-werkstechnik sich anzueignen, genügt es, wenn der Politiker bestimmteZüge derMassenpsychologie im fremden Lande, bestimmte typische Re-aktionsweisen maßgebender Kreise namentlich in der Presse der verschie-denen Völker im politischen und nur im politischen Leben kennt. Ihngehen Philosophie und Wissenschaft, Dichtung und Kunst, geht das gesamtegeistige, gesellschaftliche und private Leben eines Volkes wahrhaftignichts an.

Oder: wenn jemand Hosenträger nach Rumänien verkaufen will, muß erzweifellos einen wenn auch eng umgrenzten Bereich der Psyche desKäuferlandes kennen. Ihn interessieren wieder politische Gepflogenheiten

Sombart : Vom Menschen

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