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nicht, ebenso nicht wie die Eigenarten des geistigen Lebens der Rumänen.(Noch viel weniger die der Bulgaren oder Serben.)
In solchen Fällen handelt es sich um Kenntnisse eines scharf umrissenenSeelenbezirks, die man sich in irgendwelcher Fachschule für Politik oderWirtschaftskunde routinemäßig verschafft. Eine wissenschaftliche Völker-psychologie kann dabei nichts nützen; sie kann den Wissensbedürftigenhöchstens verwirren.
Auf der anderen Seite erweist sich eine Völkerpsychologie aber un-geeignet, unser Bedürfnis nach intuitiven Einblicken in die seelisch-geistige Verfassung eines Volkes zu befriedigen. Einen durch Inspirationgewonnenen Totaleindruck schlagwortartig zu veranschaulichen ist eineLeistung, die ich von der Mutter Wissenschaft nicht verlangen kann. Weilsie gar keine wissenschaftliche, sondern eine künstlerische Leistung ist.
Und den nicht mit praktischen Interessen belasteten Menschen inter-essieren doch im Grunde nur solche blitzartige Erhellungen des Dun-kels, sei es, damit er wie beim Steigen einer Rakete im Feuerwerk mit Be-friedigung: „ah“ sagen könne, sei es, daß er durch die Absurdität des Ur-teils entweder zum Lachen oder zum Widerspruch gereizt werde. In diesemSinne ist Völkerpsychologie ein reizvolles jeu d’esprit, das aber nur vongeistreichen Männern getrieben werden sollte, um Freude zu machen. Dieihm angemessene Form ist der bon mot; dicke Bücher über Völkerpsycho-logie sind durchaus verdächtig.
Im folgenden gebe ich ein paar Proben amüsanter, völkerpsychologischerUrteile aus den verschiedenen Zeitaltern. Dabei werde ich mich vorsichts-halber auf die Meinungsäußerungen Verstorbener beschränken. Alles, wasgesagt werden könnte, ist überdies schon ausgesprochen, bevor die lebendeGeneration herangewachsen war, es sei denn, daß die heutige Prägung derVölker Stoff zu Revisionen alter Urteile böte. Aber über das, was neu inder Physiognomie der Völker ist, sich zu äußern, überlassen wir lieber denkommenden Geschlechtern.
III
Ich gebe zunächst einige Urteile über unsere lieben Nachbarn und unsselber bekannt.
Die Franzosen werden wie folgt geschildert:
„le peuple de France „en general“ ayme assey les nouueautez, est curieux...et desireux de paroistre.“ D. T. V. I., Les etats, empires et principautez dumonde. Representez par la description des Pays, Moeurs des habitants etc. 1625.
Voltaire schreibt 1772 an M. de Belloi: „Es ist eine seltsame Nation, dieNation der Franzosen, nur fest in ihrer Leichtigkeit... alles geht schnell vorbei,nach acht Tagen ist alles vergessen. Die Heiterkeit der Nation scheint unver-