251
gegenüber das Inkomensurable, nur in der Ewigkeit das Rationale ist?“ D eLagarde, Vorrede zum andern Bande der Deutschen Schriften (1881). Ge-samtausgabe der Deutschen Schriften (1892), 83 fl.
Von Bismarck vernehmen wir folgende Urteile über Deutsche: „Die Prin-zessin Augusta hat aus ihrer Weimarischen Jugendzeit bis an ihr Lebensende denEindruck bewahrt, daß französische und noch mehr englische Autoritäten undPersonen den einheimischen überlegen seien. Sie war darin echt deutschenBluts, daß sich an ihr unsere nationale Art bewährte, welche in der Redensartihren schärfsten Ausdruck findet: ,Das ist nicht weit her, taugt also nichts.“ TrotzGoethe, Schiller und allen andern Größen in den elyseischen Gefildenvon Weimar war doch diese geistig hervorragende Residenz nicht frei von demAlp, der bis zur Gegenwart auf unserm Nationalgefühl gelastet hat: daß einFranzose und vollends ein Engländer durch seine Nationalität und Geburt einvornehmeres Wesen sei als ein Deutscher und daß der Beifall der öffentlichenMeinung von Paris und London ein authentischeres Zeugnis des eigenen Wertesbildet als unser eigenes Bewußtsein.“ Gedanken und Erinnerungen. I, 138 f.Vgl. auch Band II, Seite 196.
„Es liegt im Rückblick auf diese Situation ein bedauerlicher Beweis, bis zuwelchem Maße von Unehrlichkeit und Vaterlandslosigkeit die politischen Par-teien bei uns auf dem Wege des Parteihasses gelangen. Es mag Ähnlichesanderswo vorgekommen sein, doch weiß ich kein Land, wo das allgemeineNationalgefühl und die Liebe zum Gesamtvaterlande den Ausschreitungen derParteileidenschaft so geringe Hindernisse bereitet, wie bei uns... Diese Sinnes-richlung, die man nach Belieben Egoismus oder Unabhängigkeit nennen kann,hat in der ganzen deutschen Geschichte von den rebellischen Herzogen derersten Kaiserzeiten bis auf die unzähligen reichsunmittelbaren Landesherrn,Reichs-Städte, Reichs-Dörfer, -Abteien und -Ritter und die damit verbundeneSchwäche und Wehrlosigkeit des Reichs ihre Bestätigung gefunden.“ a. o. 0. 2, 23.
„Ich bin doch erstaunt von der politischen Unfähigkeit unserer Kammern,und wir sind doch ein sehr gebildetes Land; ohne Zweifel zu sehr; die andernsind bestimmt auch nicht klüger als die Blüte unserer Klassenwahlen, aber siehaben nicht dies kindliche Selbstvertrauen, mit dem die Unsrigen ihre unfähi-gen Schamteile in voller Nacktheit als mustergültig an die Öffentlichkeit bringen.Wie sind wir Deutsche doch in den Ruf schüchterner Bescheidenheit gekommen?Es ist keiner unter uns, der nicht vom Kriegführen bis zum Hundeflöhen allesbesser verstände als sämtliche gelernte Fachmänner, während es doch in ande-ren Ländern viele gibt, die einräumen, von manchen Dingen weniger zu ver-stehen als andere und deshalb sich bescheiden und schweigen.“ An Roon’,15. 7. 1862; Bismarckbriefe. 8. Aufl., Seite 347 fl. (Vergleiche damit die Äuße-rung Goethes zu Riemer am 12. 12. 1812; oben Seite 247).
„Das ist der Vorzug des germanischen Charakters unter allen übrigen, daßer seine Befriedigung in der eigenen Anerkennung des eigenen Wertes findetund kein Bedürfnis nach Prestige, Herrschaft und Vorrecht hat, daß er sichselbst genug ist... Antwort auf die Adresse der deutschen Studenten.1. 4. 1895.
In einer Reichstagsrede führt Bismarck „die ganze deutsche Zerrissen-heit“ auf einen „Überfluß an Selbständigkeit“ (!) des „urgermanischen Charak-ters“ zurück.