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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Denken lernen: man hat auf unsern Schulen keinen Begriff mehr davon.Selbst auf den Universitäten, sogar unter den eigentlichen Gelehrten der Philo-sophie, beginnt Logik als Theorie, als Praktik, als Handwerk auszusterben.

AusMenschliches, Allzumenschliches Band II:Goethes Vornehmheit undNeidlosigkeit, Beethovens edle einsiedlerische Resignation, Mozarts Anmut undGrazie des Herzens, Handels unbeugsame Männlichkeit und Freiheit unter demGesetz, Bachs getrostes und verklärtes Innenleben, welches nicht einmal nötighatte, auf Glanz und Erfolg zu verzichten, sind denn dies deutsche Eigen-schaften? Wenn aber nicht, so zeigt es wenigstens, wonach Deutsche streben sollten und was sie erreichen könne n. (Nr. 298.)

GoethesStimme und sein Beispiel weisen darauf hin, daß der Deutsche mehr sein müsse als ein Deutscher, wenn er den andern Nationen nützlich,ja nur erträglich werden wolle. (Nr. 302.)

Das Undeutliche, Schwebende, Ahnungsvolle, Elementarische, Intuitiveum für unklare Dinge auch unklare Namen zu wählen, das man dem Deut-schen Wesen nachsagt, wäre, wenn es tatsächlich noch bestände, ein Beweis,daß seine Kultur um viele Schritte zurückgeblieben und noch immer von Bannund Luft des Mittelalters umschlossen wäre. Freilich liegen in einer solchenZurückgebliebenheit auch einige Vorteile.

Aus derMorgenröte: Ein Deutscher ist großer Dinge fähig, aber es istunwahrscheinlich, daß er sie tut: denn er gehorcht, wo er kann, wie dies eineman sich trägen Geist wohltut. Wird er in die Not gebracht, allein zu stehen undseine Trägheit abzuwerfen, ist es ihm nicht mehr möglich, als Ziffer in einerSumme unterzuducken (in dieser Eigenschaft ist er bei weitem nicht soviel wertwie ein Franzose oder Engländer) so entdeckt er seine Kräfte: dann wird ergefährlich, böse, tief, verwegen und bringt den Schatz von schlafender Energieans Licht, den er in sich trägt und an den sonst niemand (und er selber nicht)glaubte ... ,Der Mensch muß Etwas haben, dem er unbedingt gehorchenkann das ist eine deutsche Empfindung, eine deutsche Folgerichtigkeit: manbegegnet ihr auf dem Grunde aller deutschen Morallehren... (Nr. 207.)

Aus der Zeit, in der Nietzsche über die Deutschen urteilte, vernehmenwir ganz ähnliche Töne aus dem Munde Paul de Lagardes, wenn er etwaschreibt:Wo ist der Nachwuchs für unsere Parlamentarier, unsere Gelehrten,unsere Musiker, unsere Staatsmänner? Welche Namen sind als die beachtens-werter Menschen seit 1866 neu aufgetaucht? ... Die Antwort auf diese Fragenmuß lauten: Die geistige Verarmung unserer Nation ist soweit fortgeschritten,daß Deutschland , so reich es an Maßregeln ist, an Männern den allerempfind-lichsten Mangel leidet. Charaktere können sich im Deutschen Reich nicht bilden'kaum daß bereits gebildete Charaktere in ihm sich zu erhalten imstande sindCharaktere bilden sich großen Ideen, innerlich mächtigen Menschen gegenüber:der Charakter ist der Abdruck, den das Ewige in empfänglichen Seelen zurück-läßt ... An die Ideen kommen wir vor lauter Bildung gar nicht mehr hinan...Der Deutsche des neuen Reichs wird mehr und mehr für das Gefühl reif, welchessein Kanzler... als das der allgemeinen Wurstigkeit bezeichnet: daß dies Gefühlzur Bildung des Charakters beitrage, wird so leicht niemand behaupten.

Wir sind liebenswürdig, wir sind korrekt. Der oberste Grundsatz der Frauen-welt, nichts Auffälliges zu tun, in nichts von den übrigen abzuweichen, beherrschtuns ganz. Wo soll der Charakter herkommen, welcher der vergehenden Welt