Typus des neuen Deutschtums nach ganz anderen Ehren geizt und anallem, was Tiefe hat, vielleicht die Schneidigkeit vermißt, ist der Zweifelbeinahe zeitgemäß und patriotisch, ob man sich ehemals mit jenem Lobe nichtbetrogen hat.“ N. treibt dann „ein wenig Vivisektion der deutschen Seele“: „Diedeutsche Seele ist vor allem vielfach, verschiedenen Ursprungs, mehr zusammen-und übereinandergesetzt als wirklich gebaut, das liegt an ihrer Herkunft . .„Als ein Volk der ungeheuerlichsten Mischung und Zusammenrührung vonRassen, vielleicht sogar mit einem Übergewicht des vor-arischen Elements, als,Volk der Mitte' in jedem Verstände sind die Deutschen unfaßbarer, umfäng-licher, widerspruchsvoller, unbekannter, unberechenbarer, überraschender, selbsterschrecklicher als es andere Völker sich selber sind, sie entschlüpfen der De-finition und sind damit schon die Verzweifelung der Franzosen ... Es kenn-zeichnet die Deutschen , daß man über sie selten völlig Unrecht hat. Die deutscheSeele hat Gänge und Zwischengänge in sich, es gibt in ihr Höhlen, Verstecke,Burgverliese; ihre Unordnung hat viel vom Reize des Geheimnisvollen; derDeutsche versteht sich auf Schleichwege zum Chaos. Und wie jeglich Ding seinGleichmaß liebt, so liebt der Deutsche die Wolken und alles was unklar, wer-dend, dämmernd, feucht und verhängt ist: das Ungewisse, Unausgestaltete, Sich-verschiebende, Wachsende jeder Art, fühlt er als „tief“... Will man die„deutsche Seele“ ad oculos demonstrieren, so sehe man nur in deutschen Ge-schmack, in deutsche Künste und Sitten hinein: welch bäurische Gleichgültigkeitgegen „Geschmack“, wie steht das Edelste und Gemeinste nebeneinander! Wieunordentlich und reich ist dieser ganze Seelen-Haushalt! Der Deutsche schleppt an seiner Seele: er schleppt an allem, was er erlebt. Er verdautseine Ereignisse schlecht, er wird nie damit „fertig“ ...
In der „Götzendämmerung“ findet sich ein langer Abschnitt, der vom Wesendes Deutschtums handelt und in dem folgende Stellen beachtlich sind: „Dasneue Deutschland stellt ein großes Quantum vererbter und angeschulter Tätig-keit dar, so daß es den aufgehäuften Schatz von Kraft eine zeitlang selbst ver-schwenderisch ausgeben darf. Es ist nicht eine hohe Kultur, die mit ihm Herrgeworden, noch weniger ein delikater Geschmack, eine vornehme ,Schönheit'der Instinkte; aber männlichere Tugenden, als sonst ein Land Europas auf-weisen kann. Viel guter Mut und Achtung vor sich selber, viel Sicherheit imVerkehr, in der Gegenseitigkeit der Pflichten, viel Arbeitsamkeit, viel Aus-dauer — und eine angeerbte Mäßigung, welche eher des Stachels als desHemmschuhs bedarf (siehe die Bemerkungen Friedrich Lists, obenSeite 248 W. S.). Ich füge hinzu, daß hier noch gehorcht wird, ohne daß dasGehorchen demütigt...“ Der Einwand, den Nietzsche macht, ist dieser: „Eszahlt sich teuer, zur Macht zu kommen: die Macht verdummt... Die Deut-schen — man hieß sie einst das Volk der Denker: denken sie überhaupt noch?Die Deutschen langweilen sich jetzt am Geiste, die Deutschen mißtrauen jetztdem Geiste, die Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige Dinge —„Deutschland, Deutschland über Alles“, ich fürchte, das war das Ende der deut-schen Philosophie... ,Gibt es deutsche Philosophen? gibt es deutsche Dichter?gibt es gute deutsche Bücher?' fragt man mich im Ausland. Ich erröte, abermit der Tapferkeit, die mir auch in verzweifelten Fällen zu eigen ist, antworteich: „Ja, Bismarck I“ — Durfte ich auch nur eingestehen, welche Bücherman heute liest? ... Vermaledeiter Instinkt der Mittelmäßigkeit! — "...