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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Volk der Stufen sind, daß wir die Grade der Menschheit in aufsteigenden undabsteigenden Verhältnissen durchmessen. Wir können wohl ohne Prahlereisagen, daß wir einzelne Namen der höchsten Stufen haben; aber wir haben auchdie niederen Stufen so besetzt, wir haben so köstliche Dummköpfe, wie schwer-lich ein anderes europäisches Volk. Ungestalt, wie gesagt, fast eine zu zarte Be-zeichnung Roheit, Grobheit, Plumpheit, ja Klotzigkeit sind auch deutscheÜberschriften der unteren Grade. Ich setze noch hier Dummheit, Dumpfheit,Schlodderigkeit, Trübsinn, Verworrenheit, Neblichkeit... In einem Volke, indessen Gemüte so viele tiefe und edle Kräfte immer ein Schwimmen, Fließen,Dämmern und Schwärmen sind... gelangen viele auch nicht schlecht begabteNaturen nimmer zur Klarheit, sondern bleiben in dem Dumpfen, Verworrenen undNeblichten stecken, und aus einer solchen geistigen Ungestalt wird auch eineleibliche ... Aber dieser Schwimmer, Dämmerer, Schlotterer und Lotterer pflegtund nährt in seinem fließenden und oft auch unrein und düster fließenden Stromder schwebenden und webenden Bilder und Anschauungen die tiefen und er-habenen Gestalten des Ewigen und Unsterblichen ...

In dieselbe Zeit wie das eben genannte Werk Arndts fallen dieBriefeUber die großen Fragen des Tages, in denen ein anderer deutscher Patriot seinUrteil über seine Landsleute an verschiedenen Stellen ausgesprochen hat:Friedrich List. Da heißt es z. B. im 12. Briefe:Unter allen zivilisiertenNationen gibt es... keine, die, so ausschweifend sie ist in der Theorie, in prakti-schen Dingen so sehr zum Niederlegen und Einschlafen geneigt wäre wie diedeutsche. Wir sind eine phlegmatische, eine an Förmlichkeiten hängende, einedilatorische, prokrastinierende, bedächtliche, umständliche Nation, die sich imPraktischen überall an das Nächstliegende, an das Besondere hält, die sich nachallen Seiten abgrenzt und einbaut, gegen alles weiter Hinausliegende sich förm-lich verschanzt und in großen Dingen nur mit Mühe zu dem Entschluß zu bringenist, einen Fuß vor den anderen zu setzen.... Ein Volk, dessen einzelne Gliederschon lange, bevor sie zum Heiraten kommen, für das Schicksal ihrer Kinderund Kindeskinder und der Kinder ihrer Kindeskinder besorgt sind, wird nichtso leicht auf den tollen Gedanken, noch viel weniger zu dem Entschlüsse kom-men, die bestehenden Zustände über den Haufen zu stürzen, wie ein Volk, dessenLeidenschaften so heftig sind wie die der Franzosen, daß sie Haus und Hof, Weib,und Kind, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges vergessen, um nurplötzlich die Idee durchzusetzen, die soeben ihr Gehirn in Brand gesteckt hat..-(Bei den Deutschen) liegt wahrlich die Gefahr auf einer ganz entgegengesetztenSeite, nämlich im Einschlafen, im Eintrocknen, im Versteinern des Geistes undder Formen. Siehe das Zollvereinsblatt, red. von List; Nr. 48; vom 27.11.1843.

Sehr oft hat Nietzsche sich über die Deutschen geäußert. Leider gehörtauch er zu den Deutschen, deren Urteile über seine Landsleute meist auf Schmä-hungen und Verhöhnungen hinauslaufen und deshalb großenteils, zumal inunserer Zeit, besser nicht mitgeteilt werden. Da in ihnen aber andererseits so vielGeist niedergeschlagen ist, so geht man an ihnen in einer Übersicht wie diesernicht gern vorüber, ohne überhaupt von ihnen Notiz zu nehmen. Ich habe michdaher entschlossen, eine Auswahl zu treffen und diejenigen Äußerungen mitzu-teilen, die von allerschlimmsten Gehässigkeiten frei sind. Es sind etwa folgende:

Aus demJenseits:Es gab eine Zeit, wo man gewohnt war, dieDeutschen mit Auszeichnung ,tief zu nennen: jetzt, wo der erfolgreichste