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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Deutsche gehen nicht zu Grunde, so wenig wie die Juden, weil es Indi-viduen (!) sind. (Zu Riemer 15. III. 1808.)

Die Deutschen haben von jeher die Art, daß sie es besser wissen wollen alsder, dessen Handwerk es ist; daß sie es besser verstehen als der, der sein Lebendamit zugebracht. (Zu Riemer, l£. XII. 1812.)

Was die Herren vom ,Globe für Menschen sind! Wie die mit jedem Tagegrößer, bedeutender werden und alle wie von einem Sinne durchdrungensind, davon hat man kaum einen Begriff. In Deutschland wäre ein solches Blattrein unmöglich. Wir sind lauter Partikuliers; an Übereinstimmung ist nicht zudenken; jeder hat die Meinung seiner Provinz, seiner Stadt, ja seines eigenenIndividuums, und wir können noch lange warten, bis wir zu einer Art von all-gemeiner Durchbildung kommen. (Zu Eckermann, 3. X. 1828.)

Welche unendliche Kultur ist schon an den Franzosen vorübergegangen zueiner Zeit, wo wir Deutsche noch ungeschlachte Burschen waren! Deutschland ist nichts, aber jeder einzelne Deutsche ist viel, und doch bilden sich letzteregerade das Umgekehrte ein. Verpflanzt und zerstreut wie die Juden in aller Weltmüssen die Deutschen werden, um die Masse des Guten ganz und zum Heilealler Nationen zu entwickeln, die in ihnen liegt. (Zu F. v. Müller, 14. XII.1808.)

Zu dem Tiefsten, was über das Deutschtum (seiner Zeit!) gesagt ist, gehörendie Ausführungen Ernst Moritz Arndts in seinem schon mehrfach ge-nannten, schönen Buche: Versuch in vergleichender Völkergeschichte. 1843. Ichkann hier nur einen kurzen Auszug, als Probe, geben und verweise den Leserauf das sehr lesenswerte Buch selbst. Die mitgeteilten Stellen finden sich aufSeite 392 fl.

Der Deutsche und sein Stamm ist der Allerweltmensch, welchem Gott dieganze Erde zur Heimat gegeben hat . . . Ein denkendes, grübelndes, erfindendesVolk, seiner Anlage nach mit einem gewissen Ernst und Gewicht, auch wohlSchwere, welcher es an Sturz und Fall nicht fehlen kann. Schwere Not! ist seinWeltausruf und sein Weltgefühl, auch sein Fluch ... Er ist der blöde Menschund wird leicht zu blöd, und kann dann wohl einem unbehilflichen Pinsel ähnlichsehen und von den Fremden ausgelacht werden; aber der Grund dieser Blödig-keit ist doch die Bescheidenheit, die Verständigkeit, die deutsche Grundanlage ...

Ich nenne deutsche Tugenden, welche die Fremden wider Willen an dendeutschen Menschen schätzen müssen: Bedächtigkeit, Vorsichtigkeit, Langmütig-keit, Arbeitsseeligkeit, Ordentlichkeit. Dieses und vieles Andere, welches derdenkende, grübelnde Mensch notwendig haben muß, fassen die zwei Wörter einin sich Sinnigkeit und Endeligkeit. Mit diesem ruhigen, sinnigen Verstände, mitdieser Endeligkeit, d. h. mit Geduld und Beharrlichkeit, nicht mit dem Anfangzufrieden zu sein, sondern bis ans Ende duichzuharren, hat Gott ihm eine sanfte,süße Dauer der stillsten Gefühle gegeben... 0 ihr Wälschen, besonders ihrFranzosen, verstündet ihr dieses Deutschleben, diesen stillen, sinnigen Genuß allerGüter des Himmels und der Erde, womit der Mensch von Gott gesegnet ist, ihrwürdet bei manchem verkehrten Urteil über uns erröten. Dieser stille, beschau-liche Sinn, dieses Verständnis der Dinge ohne Kunst und Schein, dieses seeligeÜberfließen und Genießen, diese zarte nordische Empfindsamkeit....

Ungestalt, Unvollkommenheit. Das sind für einen Teil unserer Gebrechlich-keit wirklich noch gelinde Worte. Ich habe... zu zeigen gesucht, daß wir ein