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Vor dem Feste? Die Furcht, welche den Gott ansagt?0, dann nehmt mich, ihr Lieben!
DaR ich büße die Lästerung . .
„0 heilig Herz der Völker, o Vaterland!
All duldend gleich der schweigenden Mutter ErdUnd allverkannt, wenn schon aus deinerTiefe die Fremden ihr Bestes haben.
„Sie ernten die Gedanken, den Geist von DirSie pflücken gern die Traube, doch höhnen sieDich, ungestalte Rebe, daß DuSchwankend dem Boden und wild umirrest.
„Du Land des hohen, ernsteren Genius!
Du Land der Liebe! bin ich der Deine schon,
Oft zürnt ich weinend, daß Du immerBlöde die eigene Seele leugnest . . .“
Und so fort in immer herrlicheren Strophen . . .
Was Goethe eigentlich über die Deutschen gedacht hat, fragt Nietzsche einmal, und fragen wir mit ihm: Er hat über viele Dinge um sich herum niedeutlich geredet und verstand sich zeitlebens auf das feine Schweigen — „wahr-scheinlich hatte er gute Gründe dazu“, meint der genannte Frager. Immerhingibt es gelegentliche Aussprüche Goethes über die Deutschen und ihre Art.Was er über das Wort „Gemüt“ und seine allzuhäufige Verwendung gesagt hat,ist bekannt. Ein sehr tiefes Wort äußert er einmal zu Ecker mann (3. Mai1829) „Wir Deutschen sind von gestern. Wir haben zwar seit einemJahrhundert ganz tüchtig kultiviert; allein 1 es können noch ein paarJahrhunderten hingehen, ehe bei unseren Landsleuten soviel Geist und höhereKultur eindringe und allgemein werde, daß sie gleich den Griechen der Schön-heit huldigen, daß sie sich für ein hübsches Lied begeistern und daß man vonihnen wird sagen können, es ist lange her, daß sie Barbaren gewesen.“
„Die Lust der Deutschen am Unsichern in den Künsten kommt aus derPfuscherei her: denn wer pfuscht, darf das Recht nicht gelten lassen, sonst wäreer gar nichts“ (Max. u. Refl. II).
„Den Deutschen ist nicht daran gelegen, zusammen zu bleiben, aber dochfür sich zu bleiben. Jeder, sei er auch welcher er wolle, hat so sein eigenesFürsich (!), das er sich nicht gern möchte nehmen lassen.“ (eb. III.)
„Es ist nun schon bald zwanzig Jahre, daß die Deutschen sämtlich trans-zendieren. Wenn sie es einmal gewahr weiden, müssen sie sich wunderlich Vor-kommen.“ (eb.)
„Der Deutsche läuft keine größere Gefahr, als sich mit und an seinen Nach-barn zu steigern; es ist vielleicht keine Nation geeigneter, sich aus sich selbst zuentwickeln, deswegen es ihr zum größten Vorteil gereicht, daß die Außenweltvon ihr keine Notiz nahm.“ (eb. VI.)
„Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, der Deutscheam meisten zu verlieren: er wird wohl tun, dieser Warnung nachzudenken.“ (eb.)
„Die Deutschen . . . gehen jeder seinem Kopfe nach (!), jeder sucht sichselber genug zu tun; er fragt nicht nach dem andern; denn in jedem lebt dieIdee der persönlichen Freiheit.“ (!) (Zu Eck er mann.)