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„Das arme deutsche Volk! Umstände ließen es nicht zu, daß es frühzeitigüberfeint würde; Umstände, die in seinem Körperbau und Klima, in seinerErziehung und Lebensweise, in seiner Verfassung und Geschichte lagen. Da-gegen ward ihm vom Feinde selbst, in der frühesten und durch alle Zeiten, dasLob der Gesundheit, der Treue und Keuschheit, der Ordnung inseinem Hauswesen, des Fleißes, der regelmäßigen Sittsam keitnicht versaget... allenthalben standen Deutsche mit- und beieinander und nanntenes Bund. Alle für Einen, Einer für Alle; der Name German , Hermane, Haar-mund und viele andere deuten auf nichts anderes.
Mancherlei Ergetzungen und Bequemlichkeiten anderer Völker waren ihmversagt, die es dagegen verachtete, wenn ihm Recht und Pflicht, Wahrheit,Ordnung, Sitte, Ehrbarkeit blieb.“ Adrastea. X. Stück. Ed. Supan 24, 273.
Sehr lehrreich ist auch der Entwurf des älteren Herder; „ Welchen Rang diedeutsche Nation unter den gebildeten Völkern Europas einnehme? Ob sie sichunter ihnen hervorgetan und wodurch, in welcher Achtung sie bei ihnen stehe?"Da heißt es: „Auffallend, daß sich die deutsche Nation durch so vieles ausge-zeichnet, sie aber nicht des Ruhmes genieße, der ihr gebührt; — daß man essich sogar zur Ehre rechne, sie zu verachten: — daß dies selbst Deutsche tun!“
Es sei unleugbar, (1) daß die deutsche Nation sich in vieler Hinsicht hervor-getan habe: durch große Begebenheiten, rühmliche Künste, Erfindungen, Be-strebungen; (2) daß sie aber von den meisten dieser Bestrebungen für sich nichtallen und den besten Nutzen gezogen habe. Er fragt, woher das komme, undfindet dafür folgende Gründe: (1) den aufrichtigen Charakter der Deutschen ;
(2) sie sind von jeher als Werkzeug für andere, nicht für sich gebraucht worden;
(3) sie sind unter vielen Regenten verteilt; (4) Deutschland liegt in der Mittedes nördlichen Europas , hat zu wenig Seeufer und großen Handel, ihm fehlendie. Kolonien; (5) Deutschland ist durch seine politischen Interessen mit allenNationen Europas verflochten: daher unaufhörliche Kriege im Lande; (6) dieleidige Sucht, andere Nationen, insonderheit die Franzosen, nachzuahmen. Her-der hofft, daß sich dies ändern werde, die Deutschen sich selbst achtenlernen: dann werde sie jeder achten. „Wir wollen zu Ehren der Nation bei-tragen“. Aus der späteren Zeit in Weimar . Ed. Supan 32, 519 ff.
Auch Hölderlin hat in seinen Briefen an Bellarmin so häßliche Dingeüber die Deutschen gesagt, daß es mir widerstrebt, seine Worte hier wieder-zugeben; es ist wohl das Schlimmste, das je ein Deutscher über Deutsche ge-äußert hat. Aber in seinen Oden „An die Deutschen“ und „Gesang der Deut-schen “ ist die bittere Stimmung verschwunden und der Haß und die Empörungsind in wehmütige Trauer verklärt. Da klingen uns wundersame ergreifendeTöne entgegen:
„Spottet nimmer des Kindes, wenn noch das alberne,auf dem Rosse von Holz herrlich und viel sich dünkt,
0 ihr Guten! auch wir sindTatenarm und gedankenvoll
„Aber kommt, wie der Strahl aus dem Gewölke kommt,
Aus Gedanken vielleicht, geistig und reif die Tat?
Folgt die Frucht, wie des HainesDunklem Blatte, der stillen Schrift?
„Und das Schweigen im Volk, ist es die Feier schon