Von besonderem Interesse sind die völkerpsychologischen Vergleiche, dieman immer wieder zwischen den verschiedenen „Nationen“ angestellt hat.Ich teile einige besonders gelungene im folgenden mit.
Bekannt ist die klassische Einteilung der Völker nach den vier Erdteilen, mitdenen Linne die vergleichende Völkerpsychologie der neueren Zeit eröffnet:der Amerikaner ist hartnäckig, zufrieden, frei; der Europäer beweglich, scharf-sinnig, erfinderisch; der Asiate grausam, prachtliebend, geizig; der Afrikanerschlau, träge, gleichgültig. Der Amerikaner ist bedeckt mit Tätowierung undregiert durch Gewohnheiten; der Europäer ist bedeckt mit anliegenden Klei-dern und regiert durch Gesetze; der Asiate ist gehüllt in weite Gewänder undregiert durch Meinungen; der Afrikaner ist mit Fett gesalbt und regiert durchWillkür.
Aber beschränken wir unsere Auslese auf die Charakteristik der europäi-schen Völker!
Das ehemalige K. K. Museum für österreichische Volkskunde besitzt ein hüb-sches Ölgemälde des 18. Jahrhunderts mit Charakterisierung dereuropäischen Nationen. Dieses Gemälde schließt sich den verschie-denen sonst in der Volkskunst beliebten Seriendarstellungen (der Stände, Natio-nen, Berufe usw.) an. Es zerfällt in zwei Teile: einen figuralen, malerischen, derzehn Kostümfiguren der wichtigsten europäischen Nationen bringt und einentextlichen, in tabellarischer Form angelegten Teil, in dem die einzelnen Nationengeschildert werden. Ich teile ihn (mit Auslassung nur weniger Rubra, die mehrdie Länder als die Völker betreffen) im folgenden mit nach der Wiedergabedurch Prof. D r. M. Haberlandt in der Zeitschrift des Museums für öster-reichische Volkskunde „Werke der Volkskunst“ II. Band (1914), Seite 78 ff.
Der Titel der tabellarischen Übersicht lautet:
„Kurze Beschreibung der in Europa befindlichen Völkernund ihren Eigenschaften.“
Diese selbst hat folgenden köstlichen Inhalt und mag hier stellvertretend fürzahlreiche Darstellungen ähnlicher Art stehen (siehe Seiten 254, 255).
„Die Verschiedenheit des Klimas, der Nahrung, der Erziehung der Menschenverursacht eine gänzliche Verschiedenheit in ihrer Lebens- und Denkweise; soscheint ein italienischer Mönch von einem ganz anderen Schlage zu sein als eingelehrter Chinese. Das tiefe, aber hypochondrische Gemüt eines Engländers istgrundsätzlich verschieden von dem stolzen Sinn eines Spaniers, und ein Fran-zose besitzt so wenig Ähnlichkeit mit einem Holländer wie ein unruhiger Affemit einer phlegmatischen Schildkröte.“ Friedrich M., Anti-Machiavell,4. Kapitel.
Derselbe an Voltaire 1. 11. 1772: „Les Francais possedent l’imagination;les Anglais, ä ce que l’on dit (!), la profondeur; et les Allemands lalenteur, avec ce gros bon sens qui court les rues.“
Ein besonderer Liebhaber schlagwortartiger Kennzeichnung der verschiede-nen Völker war Kant. Wir finden sie in den Beobachtungen über das Gefühldes Schönen und Erhabenen (1764), in der Schrift über Anthropologie, in denVorlesungen über denselben Gegenstand und an andern Orten. Da vernehmenwir folgendes: die Italiener und Franzosen vertreten das Schöne, die Deutschen ,Engländer und Spanier das Erhabene, und zwar wiederum die Italiener das be-