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eine außschließende göttliche Sendung, an das von Gott „a u s e r w ä h 11 e“Volk. Das Hauptbeispiel in der Geschichte für diese Verkörperung derGottesidee im eigenen Volke ist ja die Gottesidee Israels. Aber einen ähn-lichen Glauben finden wir bei zahlreichen Völkern des Altertums und derNeuzeit. In der neueren Zeit ist der Missionsglaube besonders aufdringlichin dem alten Rußland verkündet worden, namentlich durch den MundDostojewskis.
Über die Idee des „auserwählten Volkes“ hat sich schon Her-der in sehr edler und klarer Weise geäußert, wenn er schrieb: „Was ist eineNation? Ein großer, ungejäteter Garte (s o !) voll Kraut und Unkraut. Werwollte sich dieses Sammelplatzes von Torheiten und Fehlern sowie von Vortreff-lichkeiten und Tugenden ohne Unterscheidungen annehmen? ... Lasset uns sovielwir können, zur Ehre der Nation beitragen, auch verteidigen sollen wir sie, woman ihr Unrecht tut . . . sie aber ex professo zu preisen, das halte ich für einenSelbstruhm ohne Wirkung.
Wir Deutsche wollten uns mit den Griechen vergleichen? Und welches wäreder genau bestimmte, der unverfälschbare Maßstab? Und wer wäre der unpartei-ische Richter?
So auch mit andern Nationen. Die Natur hat ihre Gaben verschieden aus-geteilt; auf unterschiedliche Stämme, nach Klima und Pflege wuchsen verschie-dene Früchte. Wer vergliche diese untereinander? Oder kennete einem Holzapfelvor der Traube den Preis zu? Vielmehr wollen wir uns, wie der Sultan Solyman,freuen, daß es auf der bunten Wiese des Erdbodens so mancherlei Blumen undVölker gibt, daß diesseits und jenseits der Alpen so verschiedene Blüten blühen,so mancherlei Früchte reifen ... Es scheinet wohl geistige als physische Not-wendigkeit zu seyn, daß aus der Menschennatur mit der immer veränderten Zeit-folge alles hervorgelockt werde, was sich aus ihr hervorlocken läßt . . . Offenbarists die Anlage der Natur, daß wie Ein Mensch, so auch Ein Geschlecht, also auchEin Volk von dem andern lernet, unaufhörlich lernet, bis alle endlich die schwereLektion gefaßt haben: ,Kein Volk sei ein von Gott einzig auserwähltes Volk derErde; die Wahrheit müsse von allen gesucht, der Garte des gemeinen Bestens vonai 11 e n gebauet werden. Am großen Schleier der Minerva sollen alle Völker,jedes auf seiner Stelle, ohne Beeinträchtigung, ohne stolze Zwietracht wirken*.Briefe zur Beförderung der Humanität. 42. Ed. S u p h a n , 17, 211 ff.
Die ausschließende Eigenbewertung des eigenen Volkes nimmt dannhäufig die Form des Gruppenstolzes oder Gruppendünkels an und äußertsich in den verschiedenen Pan-Bewegungen, die das 19. Jahrhunderterzeugt hat. In denen die durch eine gemeinsame Religion oder Sprache(später erst: Abstammung) zusammengehaltenen Völker sich für die vonGott bevorzugten erklärten und demgemäß Anforderungen stellten.
Die früheste dieser kollektiv-chauvinistischen Bewegungen ist wohl derPan-Keltismus. Ihr folgen der Pan-Germanismus, der Pan-Slavismus und die-jenige Bewegung, die zuerst mit Entschiedenheit das einigende Moment der