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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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II

Ebensowenig wie als Gegenstände stehen die einzelnen Völker in derWirklichkeit als Werte in gleicher Reihe unvermittelt nebeneinander. Es hatvon jeher in der Vorstellung der Menschen eine Abstufung der Völker nachihrer Bedeutung eine Werteordnung, eine Hierarchie unterden Völkern gegeben, von der im folgenden die Rede sein soll.

Als eine Vorstufe des wertenden Verhaltens zu den Völkern kann mandenjenigen Zustand ansehen, bei dem es in der Vorstellung eines Volkes über-haupt noch keine andern Völker als es selbst gibt. Das ist der Fall bei denmeisten Naturvölkern in ihrer ursprünglichen Verfassung, aber auch imalten China, als dieses schon ein mächtiges Reich geworden war.

Sobald am Horizonte fremde Völker auftauchen, werden diese zunächstin ein Werteverhältnis zum eigenen Volke gebracht. Und zwar das wirdman als allgemeine Regel annehmen dürfen auf durchaus emotionaleWeise, das heißt mit Hilfe der irrationalen Kategorien des Hasses, der Ver-achtung, der Geringschätzung, aber auch des Schreckens, der Bewunderung,des Staunens, selbstverständlich ohne irgendwelche gründlichen Kenntnisse:sine Studio-cum ira.

So kommen wir einerseits zu dem Verhältnis der emotionalen Hoch-schätzung des fremden Volkes: Standpunkt der Naturvölker gegenüber denerobernden europäischen Völkern; oder zu dem Verhältnis der emotionalenMinderbewertung, das von den Anfängen bis heute bei allen Kulturvölkerndie Regel bildet.

Ein besonders lehrreiches Beispiel bietet das Verhältnis der Hellenenzu den übrigen, alsBarbaren zusammengefaßten Völkern dar. Im Laufeder Zeit füllt sich der BegriffBarbar mit allen möglichen verächtlichenEigenschaften, Gebrechen usw. an. Dem Barbar mangelt die geistige Schu-lung, er ist darum roh, ungebildet, abergläubisch, ungeschickt, unverständig,dumm. Er ist unzivilisiert, ungastlich, menschenfeindlich, gesetzlos, einKnecht ohne Rechtsschutz. Moralisch ist der Barbar sklavisch, feige, leiden-schaftlich, zügellos, in jeder Hinsicht übertrieben, jähzornig, ja wahnsinnig,wild, rauh, hart, grausam, gewalttätig, mordlustig, dann: treulos, unzuver-lässig, lügnerisch, schwelgerisch, gefräßig, geldgierig; kurz, in jeder Be-ziehung unmoralisch. 115 )

In abgeschwächter Form ist dieses Urteil der Hellenen über die Bar-baren noch heute das Urteil jedes Volkes in seiner großen Mehrheit über alleandern Völker der Erde. Es besteht immer und überall die Feststellung P a s-cals zu recht:Verite endesä des Pyrenees; erreur au-delä.

In höchster Steigerung des Bewußtseins eigenen Wertes endigt danndiese Einstellung in der Vergottung des eigenen Volkes, in dem Glauben an