Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
266
Einzelbild herunterladen
 

266

befinden sich in ständiger Angst und unter dem Druck der Vor-stellung des Eingeschlossenseins im Raum (so auch die Franzosen ),die andern, die Hausbewohner, in der Sehnsucht, die Weite zu er-reichen und zu durchdringen. Dort Kismet, Zauber, blindes Ungefähr,hier freier Wille und Persönlichkeit. 114 )

Auch das ist ein anmutiges Schema, das uns vor allem durch seineBegründung anregt. Der gewöhnliche Mensch würde nämlich offen-bar die Weitenvölker in das Freie, die Höhlenvölker in das Hausverlegen. Aber gerade in der Umkehrung dieses Verhältnisses liegtdas Reizvolle der Gegenüberstellung.

Ich erwähne noch kurz zwei Unterscheidungen von Völkergruppen,die ebenfalls durch Leo Frobenius in neuerer Zeit wieder zuRuhm und Ansehen gebracht worden sind. Das sind die Unter-scheidungen zwischen

11. Mond - und Sonnenvölkern einerseits, zwischen

12. Dreier- und Vierervölkern andererseits. Im wesentlichendecken sich diese Unterscheidungen sowohl untereinander als mitdem eben besprochenen Gegensatz der Höhlen- und der Weiten-menschen.. Jene nämlich bilden die Vierer-, diese die Dreiervölker;jene gehören zum Bereiche der solaren, diese der lunaren Kultur-zone. Und schließlich läuft die Unterscheidung auf den Gegensatzhinaus, den wir in Nr. 9 unserer Liste kennen gelernt haben: denGegensatz zwischen Männer- und Weiber-Völkern. Die Zahlen be-zeichnen nämlich das Geschlecht: die 3 ist männlich, die 4 und die 2(eine Abart) weiblich; die 3 Ausdruck des Weitengefühls, der Be-wegung und des Schaffens, die 4 Ausdruck des Raumgefühls dersolaren Kultur, der Lage, Ruhe und Gestaltung. Die 3 gehört derpatriarchalisch-tellurischen, die weibliche 4 der matriarchalisch-chthonischen Kultur an.

Wenn mans so hört, möchts leidlich scheinen

Steht aber doch immer schief darum,

ist man versucht, zu all diesen schönen Ausführungen zu sagen, dieeiner reichen Phantasie entsprungen sind und irgend welcher Kritiknicht standhalten, aber wohl auch gar nicht standhalten sollen.

Ein eigenes Urteil über die verschiedenen Einteilungsprinzipienabzugeben, versage ich mir deshalb. Sie sind alle gleichmäßig falschund richtig, daß heißt einseitig, und jedermann wird sich das fürseine gerade verfolgten Zwecke passendste heraussuchen.