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1. Der Eigendünkel, der sich von einzelnen auf das Kollektiv,dem der Mensch angehört: Familie, Stand, Volk, überträgt;
2. Der Eigennutz, der überall dort als wirkende Kraft erscheint,wo dem Kollektiv oder maßgebenden seiner Glieder Vorteile auseinem bestimmten Verhalten erwachsen, das man zu beschönigenbestrebt ist durch Überbetonung des eigenen Gruppenwertes: Herr-schaftsanspruch der weißen Rasse! Wegnahme der deutschen Kolo-nien!
3. Die Eigenbewertung, die, unabhängig von allen Zwecken,die ein Kollektiv verwirklichen möchte, dem menschlichen Verhaltenzu entsprechen scheint. Ich verstehe darunter die Tatsache, daß mandie eigene Art für die wertvollere hält, bloß weil es dieeigene Art ist: „Unsre Uleken sind lauter Düveken“.
Das gilt auch und im besonders ausgeprägten Maße von den Völkern undVölkergruppen. Vor allem das Schönheitsideal scheint sich nach diesenGrundsätzen zu formen: der „Norde“ hält blonde Haare und blaue Augenfür den Gipfel der Schönheit; der Mongole meint: der Mensch mit blauenAugen habe überhaupt keine Augen.
„Wenn die Amerikaner der roten Farbe den Vorzug geben, so beruhtdies wahrscheinlich auf dem Triebe der Völker, alles, was sie nationeil aus-zeichnet, schön zu finden. Menschen, deren Haut von Natur rotbraun ist,lieben die rote Farbe. Kommen sie mit niedriger Stirn, mit abgeplattetemKopfe zur Welt, so suchen sie bei ihren Kindern die Stirne niederzudrücken.Unterscheiden sie sich von andern Völkern durch sehr dünnen Bart, sosuchen sie die wenigen Haare, welche die Natur ihnen wachsen läßt, aus-zuraufen. Sie halten sich für desto schöner, je stärker sie die charakte-ristischen Züge ihres Stammes oder ihrer Nationalbildung hervortretenlassen 119 ).“
Aber nicht nur das Schönheitsideal: auch z. B. das politische Ideal formtjedes Volk nach seinem Bilde. Wollte uns doch Woodrow Wilson die Demokratie aufdrängen, weil er sie offenbar für die schönste Staatsformhielt (oder spielte hier der Beweggrund Nr. 2 hinein?).
Neben diesen allgemeinen Ursachen der Geringschätzung anderer Völkergibt es eine Unzahl von zufälligen sozusagen lokalen oder temporärenUrsachen des Völkerhasses, die aufzuzählen sich nicht lohnt 120 ).
Wenn wir fragen, ob es denn inmitten dieses Meeres von Leidenschaftnicht doch eine Insel gibt, auf die sich das kühle, verstandesmäßige Urteilzurückziehen könnte, so muß unsere Antwort, wenn sie ehrlich sein soll,lauten: nein. Freilich: Versuche, zu einer objektiven Bewertung der Völker