zu gelangen, sind immer wieder unternommen worden. Sie leiden aber anso offensichtlichen Mängeln, daß wir sie im ganzen als gescheitert betrach-ten müssen, wenn wir uns nicht mit einigen summarischen Urteilen vonrecht beschränkter Gültigkeit begnügen wollen. Bei der Wichtigkeit desGegenstandes wollen wir uns die Problematik etwas näher ansehen.
Die Sachlage ist folgende: Es gibt zweifellos Eigenschaften der Völker,die meßbar sind, mit deren Hilfe also man einwandfreie Rangordnungengemäß einem Mehr oder Weniger aufstellen kann; das sind aber leider solcheEigenschaften, in denen sich keine letzten Werte verkörpern; und wiederumgibt es Betätigungen der Völker, in denen letzte Werte sich auswirken;das sind aber leider solche, für die sich keine einwandsfreie Werteordnungfestsetzen läßt.
Überblicken wir zunächst die Gruppe der meßbaren Eigenschaften derVölker, so gehören dazu folgende:
1. Das Alter eines Volkes. Ein Volk ist stolz, weil es schon langeauf dieser Erde lebt. So prunken heute in Europa die Griechen und Italienergerne mit ihrem hohen Alter.
Ein Spruch Carduccis, den mir schon meine Studiengenossen in Pisaimmer wieder vorhielten, um mir ihre Höherwertigkeit zu beweisen, lautet:„Noi eravamo grandi e loro (noi poveri barbari) non eran nati.“ Jetztbemüht man sich, auch für das deutsche Volk oder doch wenigstens diegermanischen Stämme ein immer höheres Alter nachzuweisen, während-dessen es bereits ein Volk mit einer hohen Kultur gewesen sein soll.
In dieser Hochschätzung einer langen Vergangenheit, einer großen„Ahnenreihe“, wird das Adelsprinzip aus der Sphäre der Familie in die desVolkes übertragen. Leider nicht in seiner verpflichtenden Bedeutung(noblesse oblige!), sondern in seinem hochmütigen Sinne, in dem es demTräger eine Vorzugsstellung einräumen soll. Stellt es in diesem Sinne einenWert dar? Vielleicht dann, wenn die ganze Vergangenheit des Volkes eineruhmvolle gewesen ist. Ist dem aber so, so genügt die Tatsache des Alt-seins nicht, um dem Volke eine bestimmte Wertstufe zuweisen zu können,sondern wir müssen die Leistungen dieses Volkes prüfen, als womit wir vorein anderes, alsobald zu erörterndes Problem gestellt sind.
2. Eine andere meßbare Eigenschaft der Völker ist ihre Größe, seidiese nach der Fläche des Landes oder nach der Zahl der Volksangehörigenoder nach beiden Merkmalen zugleich bemessen.
In einer Zeit, die die Bigness über alles schätzt, kann auch der Gedankeaufkommen, ein Volk um so höher zu bewerten, je größer es ist. Üblicher-weise aber wird der Größe eines Volkes ein Wert darum beigelegt, weil mit