292
Wigand (1874), Eduard von Hartmann (1875), Ad. Bastian(1875) kennt, wird mir Recht geben 133 ). An dieser Tatsache wird auch nichtsgeändert durch das massenhafte „Beweismaterial“, das namentlich durchdie Ausgrabungen fossiler Tier- und Menschenformen während der letztenbeiden Menschenalter zu Tage gefördert ist. Denn die Irrtümer der neuenLehre gründen in Denkfehlern, die durch kein noch so reiches Tatsachen-material aus der Welt geschafft werden können.
Da die alten Theorien von vielen noch immer geteilt, täglich aber neueTheorien aufgestellt werden, von denen bisher noch keine allgemeine An-erkennung gefunden hat, so werden wir es begreiflich finden, daß heuteauf dem Gebiete der Entwicklungstheorie ein größeres Dunkel herrscht alsje zuvor. Das Urteil, das unlängst ein anerkannter Fachmann auf diesemGebiete gefällt hat, lautet wie folgt 134 ):
„Unser heutiges biologisches Weltbild, fußend auf der Arbeit des 19. Jahr-hunderts, leidet an eigenartigen Unbestimmtheiten. Wir sind fest überzeugtvon der Richtigkeit der Entwicklungslehre, obwohl es in der Natur derSache liegt, daß sie, weil sie einen historischen Vorgang betrifft, niemalsin der Art einer physikalischen Entwicklung bewiesen werden kann. Wirschaffen uns ein Bild von der Erbsubstanz, das zwar heute schon (?) vielekonkrete Züge trägt, aber eigentlich gerade in den Hauptzügen noch ganzrätselhaft ist. Wir sehen die Bedeutung der Ganzheit der Lebewesen,aber ohne vorläufig sie recht fassen zu können. Wir glauben an einVorwärtsdrängen der Entwicklung, eine Orthogenesis, von der wir nichtwissen, wohin sie schließlich in geologischen Zeiträumen führen wird,von der wir aber hoffen dürfen, daß sie in historischen Zeiträumen dieMenschheit besser und glücklicher (!) machen wird. LetzteRätsel bleiben überall bestehen, aber es ist wohl das Schicksal allerForschung...“
Also: ignoramus. So soll Lamarck sterbend — am 5. März 1827 —geäußert haben: „ce que nous connaissons est peu de chose, mais ce quenous ignorons est immense . . .“ Aber hundert Jahre später war das Miß-verhältnis zwischen Wissen und Nichtwissen im Bereiche der Entwicklungs-lehre noch immer dasselbe, wie uns ein führender Gelehrter der neuerenZeit als seine Ansicht mitteilt 135 ):
An den Darwinismus richtet er die Frage: „wo kam denn das her, unterdem dann die Züchtung auswählte? Ja, — das wissen wir nicht.“ Und erknüpft an diese Frage die Betrachtung allgemeineren Inhalts: „Wenn mandoch endlich einsehen wollte, wie ganz ungeheuerlich unser Nicht-wissen gerade auf diesem Boden ist. Und wir werden hier auch nie vielwissen; denn es gibt ja nur eine Lebensgesamtheit, eine Stammes-