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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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geschichte. Wir können also nicht mit dieser einen Gesamtheit experimen-tieren ganz abgesehen davon, daß wir selbst mitten darin stehen, daßwir dazu gehören.

Wir stehen zur organischen Stammesgeschichte in der Tat in demselbenVerhältnis, in dem eine bestimmte Embryonalzelle, etwa des Frosch-embryo, zum Ganzen des großen Geschehnisses steht, in dem sie nun ebeneine Rolle spielt. Denken wir uns eine solche Embryonalzelle mit Bewußt-sein ausgestattet: was würde siewissen 1 von der Gesetzlichkeit des embry-ologischen Vorgangs? Nichts.

Hypothesen sind am beliebtesten auf Gebieten, auf denen man, weil dieandern es eben auch nicht besser wissen, nicht widerlegt werden kann.

Fragen wir uns, warum es auf diesem Gebiete unserer Forschungimmer dunkler wird, je mehr die Wissenschaft ihr Licht leuchten läßt, somüssen wir antworten, daß der Grund in folgendem liegt: es handelt sichzum großen Teile im Bereiche der Entwicklungsgeschichte um indiskutableProbleme, das heißt also solche, denen gegenüber die Kategorien vonrichtig und falsch versagen.

Was man nun angesichts dieses verzweifelten Zustandes allein tun muß,wodurch in dem Wirrwarr der Meinungen etwas Ordnung zu bringen wäre,ist einerseits die Sonderung dessen, was an der Natur erforschbar ist undwas nicht, dem gegenüber uns nach der Goethe sehen Weisung nichtsübrig bleibt, als es still zu verehren; andererseits eine scharfe Kritik derverschiedenen Erkenntnisweisen, mit denen man der im Bereiche des Wißrbaren so sehr verschieden gelagerten Probleme Herr zu werden ver-suchen muß.

Wir wollen uns doch folgendes immer wieder klarmachen: Erforschen indem Sinne, daß wir sieverstehen könnten, wie wir menschliche Werkeverstehen, vermögen wir die Natur überhaupt nicht. Hier gilt das tiefeGoethe- Wort:

Geheimnisvoll am lichten Tag

Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben;

Und was sie Deinem Geist nicht offenbaren mag,

Das zwingst Du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

Das einzige, was wir der Natur doch vielleichtmit Hebeln und mitSchrauben abzwingen können, ist etwas ganz äußerliches: es ist die Ein-sicht in ihre Regelmäßigkeit. Und wenn wir solche Regelmäßigkeit fest-gestellt, ihr einen möglichst weiten Bereich von Erscheinungen zugewiesenund sie so vereinfacht haben, daß wir sie auf eine kurze Formel,eine Diffe-rential-Gleichung, bringen können, sagen wir, daß wir einNaturgesetz