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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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entdeckt haben. Voraussetzung dieses Verfahrens ist die Möglichkeit desExperiments, ist die Dieselbigkeit sowie die Quantifizierbarkeit und infolge-dessen Berechenbarkeit der Stoffe und Kräfte, an denen wir experimentieren.

Wo diese Quantifizierbarkeit und Berechenbarkeit aufhören, hört auchdie Naturgesetzlichkeit in diesem massiven Sinne einer mechanisch-chemi-schen Kausalität auf: das gilt in weitem Umfange für die Erscheinungendea Lebens. Alsdann tritt an die Stelle des Naturgesetzes dessen Ersatz inGestalt der regulativen Idee, der Arbeitshypothese, deren Verwendbarkeitman nur nach dem Grade von Nutzen beurteilen kann, den sie der Forschungbei deren Bemühen, die Erscheinungen zu ordnen, gewährt.

Mittels der regulativen Idee können wir mehr oder weniger plausibleVermutungen aussprechen: sichere, das heißt experimentell feststellbareErgebnisse dagegen gewinnen wir mit ihrer Hilfe nicht.

Es ist schon ein Fortschritt in der richtigen Erkenntnis, wenn man ein-sieht, daß dieDeszendenz-Theorie als Ganzes in bestimmten Grenzeneine brauchbare Arbeitshypothese ist 136 ), die bei der Ordnung der Vorgängeim Bereiche der lebendigen Natur nützliche Dienste leisten kann, daß sieaber nicht im Stande ist, irgendwelches beweisbare Wissen zu liefern.

Es gibt nun aber eine dritte Situation, der gegenüber der Naturforscherweder durch die Aufstellung von Gesetzen noch durch Anwendung einerangemessenen regulativen Idee der Probleme Herr zu werden vermag: dasist der Fall, in dem ein neues Prinzip in die Welt tritt. Ihm gegenüberversagen alle dem Naturforscher zur Verfügung stehenden Hilfsmittel, weiljener Eintritt ohne alle diejenigen Voraussetzungen erfolgt, die der Natur-forscher machen muß, um arbeiten zu können: der Eintritt eines neuenPrinzips in die Welt ist aber überhaupt kein Naturvorgang, da dieser stetsnurEntstehung von etwas aus etwas sein kann, das neue Prinzip aberSchöpfung aus dem Nichts ist, was aller Natur widerspricht, für diewie wir sahen das Denkgesetz gilt, daß aus nichts nichts werden kann.

Deshalb sind alle Versuche, etwa das Leben aus dem toten Stoffablei-ten, das heißt auf natürliche Weise erklären zu wollen (mittels der gene-ratio aequivoca oder spontanea), wie wir ebenfalls bereits feststellen konn-ten, schon von Kant mit Recht alsungereimt undvernunftwidriggebrandmarkt worden.

In derselben Lage, den Eintritt eines neuen Prinzips in die Welt erklärenzu müssen, befindet sich nun aber die Forschung, wenn sie die Mensch-werdung zu erklären unternimmt. Denn der Geist, dessen Träger derMensch ist, ist dieses neue Prinzip. Vorausgesetzt natürlich, daß man dieWesensverschiedenheit von Geist und Natur eingesehen hat und nichtin Unkenntnis der Tatsachen imsogenannten Geistkeinen qualita-