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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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tiven, sondern nur einen quantitativen Unterschied zwischen ihm und denNaturdingen (Häekel) erblickt. Ebensoungereimt undvernunft-widrig wie es ist, Leben aus dem Toten durch einen Naturvorgang ent-stehen zu lassen, ist es, den Geist aus der lebendigen Natur ableiten zuwollen. Daraus folgt, daß alle Probleme, die es mit dem Eintritt eines neuenPrinzips zu tun haben, so auch das Problem der Menschwerdung, von derNaturforschung aus ihrem Bereich auszuschließen und dem Bereiche derSpekulation oder des Glaubens zu überlassen sind: jede Deutung der Ent-stehung des Menschen, die etwas anderes als Glaube sein will, ist falsch.Die Wissenschaft endigt mit der Feststellung: der Mensch kann nicht durchallmähliche Umbildung in unmerklicher Wandlung aus einem andern Wesenentstanden sein; vielmehr ist der Mensch erschaffen, in einem einmaligenSchöpfungsakte, so daß er plötzlich in der Welt war. Wie dieser Schöpfungs-akt getätigt ist, entzieht sich unserem menschlichen Wissen 137 ).

Vermutungen können wir anstellen, ob und wie seine Leiblichkeit sichaus anderen Lebewesenentwickelt hat. Mit dem Problem der Mensch-werdung hat das nichts zu tun. Was uns der Darwinismus über die Bezie-hungen zwischen Affheit und Menschheit erzählt, ist ein Gemisch von Mytho-logie und Wissenschaft. Die Affenmähr ist im Begriffe, sich zu einer -Artvon Totemismus auszubilden, wobei zu bedauern ist, daß die Menschhe.itgerade das allerwidrigste Tier, den Affen, als ihr Totemtier verehren soll,statt etwa einen schönen Seestern oder eine große Katze.

In den Bereich dernaturwissenschaftlichen Mythologie gehören auchdie meisten Aussagen über die andern Modalitäten der Menschwerdung, dieich oben (Seite 282) aufgezählt habe, außer seiner Vorform. Nichts vermaguns dieWissenschaft zu sagen über die Entwicklungsgeschichte desmenschlichen Geistes in seinen Anfängen: die Erzählungen von den ver-schiedenen Stufen des Emporsteigens von tierischer Roheit zu immerhöheren Formen des Daseins sind ebenfalls durch nichts bewiesene Vermu-tungen, die der wahrscheinlich falschenEvolutionstheorie ihr Daseinverdanken 138 ).

Nichts sicheres wissen wir darüber: ob ein Paar oder mehrere PaareMenschen geschaffen sind; nichts, seit wann das Menschengeschlecht aufder Erde lebt; nichts, wo der Schöpfungsakt stattgefunden hat.

Und werden wir nie etwas darüberwissen.

Alles, was die Menschwerdung betrifft, bleibt der Dichtung in der Ge-stalt der Mythologie Vorbehalten und es ist nur zu hoffen, daß diese baldden schulmeisterlich-trockenen Charakter, den ihr der Darwinismus undseinwissenschaftliches Zeitalter aufgeprägt haben, abstreifen und da wie-