296
der anknüpfen werde, wo der Jahvist oder der Schöpfer der Anthropos-Sage oder der Dichter der Edda -Lieder den Faden haben fallen lassen.
Zwanzigstes Kapitel: Die Fortpflanzung der Mens Ae n
I
Im 16. Kapitel, wo wir die leiblichen Eigenarten der Völker kennen zulernen versuchten, habe ich auch die nach Raum und Zeit mannigfaltigeGestaltung der Bevölkerungsverhältnisse festzustellen Gelegenheit ge-nommen. Ich habe dort diese Feststellungen gemacht, ohne nach den Grün-den zu fragen. Das wollen wir nun hier nachholen, wo wir dem Werden derMenschheit nachspüren.
Der Gedanke, nach Regelmäßigkeiten in dem Fortpflanzungsprozeß derMenschheit zu fragen ist, soviel ich sehe, ein moderner. Er taucht im16. Jahrhundert auf, als man anfing, den „Gesetzen“ der Welt im Allge-meinen nachzuforschen und in den einzelnen Vorgängen nicht mehr denEingriff Gottes zu erblicken, sondern Bestandteile eines nach ewigen, eher-nen Gesetzen geregelten Weltgeschehens. In dieses, das man als einenNaturprozeß ansah, ordnete man auch das Kommen und Gehen desMenschengeschlechts, ordnete man Geburt und Tod des Menschen ein: auchdie Bevölkerungsbewegung unterstand allgemeinen Naturgesetzen, die manauch bald entdeckt zu haben glaubte. Vor allem der Zeugungsakt war einGlied in einem gesetzmäßigen Geschehen. Und zwar tauchte frühzeitig derGedanke auf: die Zeugungskraft und der Zeugungstrieb der Menschenseien unermeßlich stark, die Menschen würden sich infolgedessen rasch —man sagte, den mathematischen Neigungen der Zeit entsprechend: „in geo-metrischer Progression“ — vermehren, wenn nicht (ebenfalls natürliche)Hindernisse — englisch : checks — auftauchten, unter denen man frühzeitigvor allem dem beschränkten Nahrungsspielraum die größte Bedeutung bei-legte. Diesen Checks sei die Tatsache geschuldet, daß die Menschheit sichnur langsam oder gar nicht vermehre.
Ich führe ein paar auffallende Beispiele an, die die Richtigkeit des Ge-sagten bestätigen werden:
Walter Raleigh (1522—1618) nimmt einen unwiderstehlichen Zeu-gungstrieb und damit eine physisch unbeschränkte Möglichkeit der Volksver-mehrung an, die schon längst zur Übervölkerung auf der Erde geführt hätte,wenn nicht natürliche und moralische Checks sie verhindert hätten: die Kriegesind eine Folge der Übervölkerung. Works 8, 257 f.
Giov. Botero meint: „il genere humano, cresciuto sino a una certamultitudine, nom ö passato innanzi... perchö i frutti della terra e la copia delvitto non comportano maggior numero di genti...”