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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Es ist lehrreich zu sehen, wie ein anderer bedeutender Fachmann sich dieMenschenwerdung vorstellt. Nach Max Westenhöfer haben sich die Dingewie folgt zugetragen:

Der Mensch ist niemals durch ein stammesgeschichtliches Affenstadium ge-gangen, er ist weit ursprünglicher als die Affen geblieben. Die vollkommeneAufrichtung, die nur er in dieser Form besitzt und die selbst der höchstent-wickelte Affe nie erreichen konnte, verdankt der Mensch seiner primitiven Bil-dung und Stellung von Fuß und Becken. Die Aufrichtung muß sehr frühzeitigunmittelbar aus einer Vierfüßlerhaltung erfolgt sein. Dieses in die Zeit derältesten Säugetiere fallende Ereignis löste die noch molchartig-universelle Handvom Erdboden und schuf damit ein Werk-Organ, das einerseits eine stärkereSchnauzenentwicklung als Greiforgan unnötig machte und andererseits damit dergroßen Entwicklung des Gehirns freie Bahn schuf, die den übrigen Säugetierendurch ihre anderweitige Spzezialentwicklung unterbunden wurde. Wie ein.Räderwerk greifen diese Vorgänge ineinander ein: Fuß, Becken, Aufrichtung,Freiwerden der Hand, Entwicklung des Hirns.

Es wäre möglich, die Menschenaffen mit ihrem starken Kieferwachstum undihren für das Baumleben umkonstruierten Gliedmaßen vom Körperbau des Men-schen herzuleiten unmöglich aber ist der umgekehrte Weg. Natürlich soll dasnicht heißen, daß der Affe vom Menschen abstamme. Vielmehr steht der Menschdem Ausgangspunkt der Säugetiere noch immer außerordentlich nahe, währendder einseitig spezialisierte Affe sich weit von ihm fortentwickelt hat. Da es aberin der Stammesgeschichte ein von dem Belgier D o 11 o entdecktes Gesetz gibt,das dieNichtumkehrbarkeit der Entwicklung feststellt, kann eine einmal ein-geschlagene Spezialrichtung wie Schnauzenbildung, Daumenschwund an der Affen-hand oder Verlagerung des Beckens nie wieder rückgängig gemacht werden. Ur-tümliche Formen wie der Mensch können unmöglich von einseitig umkonstruiertenArten wie den Menschenaffen hergeleitet werden. HaeckelsbiogenetischesGrundgesetz läßt sich auch hier an wenden: der junge Affe sieht erstaunlichmenschenähnlich aus. Von dieser Form entfernt er sich aber immer mehr, wäh-rend der Mensch ihr trotz fortschreitender Entwicklung nahebleibt.Aus der fort-schreitenden Entwicklung der Affen sagt Rudolf Virchow schon 1870>kann nie ein Mensch entstehen, vielmehr umgekehrt wird durch dieselbe jenetiefe Kluft hervorgebracht, die zwischen Mensch und Affe besteht. Wie soll beieiner solchen Sachlage jemals aus einem hochentwickelten Affen ein Menschwerden I

So wie in diesem Einzelfalle geht es aber im Gesamtbereiche der Ent-wickelungslehre.

Man würde sich deshalb gründlich täuschen, wenn man annehmen wollte,daß die Lamarck-Darwin-Häckelsehen Ansichten heute auch nurvon allen Naturforschern, geschweige denn von denjenigen geteilt würden,die sich eingehender mit den Methoden des menschlichen Denkens be-schäftigt haben.

Widerlegt sind die Thesen jener Männer genau genommen schon in denersten Jahrzehnten nach dem Erscheinen der grundlegenden Werke vonD a rw i n und Hackel. Wer die Schriften etwa von Planck (1872),